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Wie wird ein Patient zum Experten der eigenen Krankheit?

09.10.2020, Dialog

Keine andere Berufsgruppe in der psychiatrischen Versorgung hat einen so engen Kontakt zu den Patienten wie die Pflege. Roger Staub und Urs Ribi im Gespräch über die Wichtigkeit dieser Beziehung und ihren Beitrag zur Selbstbestimmung der Patienten.

Welche Aufgaben nimmt das Pflegepersonal der Psychiatrie St.Gallen Nord wahr?

Urs Ribi: Die Psychiatrie St.Gallen Nord bietet ambulante, stationäre und teilstationäre Behandlungen an. Dabei decken wir fünf Fachkompetenzfelder ab: Psychose, affektive Störungen, Suchttherapien, Demenz/Delir und Forensik. Dazu kommen die Notfallpsychiatrie für akute Fälle und das Kriseninterventionszentrum. Wir tragen die pflegerische Verantwortung für diese Bereiche. Unsere Hauptaufgabe ist die Begleitung der Patienten und die Umsetzung der Therapien mit dem Ziel, eine nachhaltige Verbesserung des Gesundheitszustands zu bewirken. Um das zu gewährleisten, hat der Grossteil unseres Personals eine psychiatrische Ausbildung und ist auf eine der fünf Kompetenzen spezialisiert.

Welche Vision steckt hinter der Stiftung Pro Mente Sana?

Roger Staub: Seit unserer Gründung vor 40 Jahren unterstützen wir Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung und fördern ihre Integration in die Gesellschaft. Als Organisation lebt Pro Mente Sana den Trialog. Unsere Gremien sind mit Personen aus verschiedenen Anspruchsgruppen wie Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen zusammengesetzt. Wir stehen den Patientinnen und Patienten beratend zur Seite und verhelfen ihnen zu ihren Rechten. Neben der Beratung in rechtlichen Fragen hat sich in den vergangenen Jahren die psychosoziale Beratung zu einem unserer wichtigsten Anliegen entwickelt. Übrigens wurde Pro Mente Sana in den Anfangszeiten als antipsychiatrisch wahrgenommen, weil wir für die Patientenrechte eingestanden sind. Es war damals nicht üblich, dass die Patienten etwas zu entscheiden hatten.

Wo ergänzt Pro Mente Sana die Leistungen der Psychiatrie?

Roger Staub: Die jüngere Vergangenheit hat uns gezeigt, dass sich die psychische Verfassung von Betroffenen nicht nur auf ihre Gesundheit auswirkt. Oftmals werden auch der Alltag und das soziale Umfeld belastet – mit einschneidenden Auswirkungen. Plötzlich tauchen neue Fragen und Probleme auf, die Betroffene vor zusätzliche Herausforderungen stellen. Was passiert mit der Wohnung in der Zeit meines Klinikaufenthalts? Sind meine Kinder betreut? Was ist bei den Steuern zu beachten? Um bei solchen Fragen zu helfen, haben wir unsere Beratung ausgebaut und sehen uns als Ergänzung zu den Psychiatrien, deren Fokus auf der therapeutischen Behandlung liegt.

Welche Entwicklungen haben den Pflegeberuf in den vergangenen Jahren geprägt?

Urs Ribi: Die Pflege hat sich im Lauf der Zeit stark gewandelt. Das Berufsbild entstand in den 30er-Jahren und hat sich aus der Rolle des Aufsehers entwickelt, der die Patienten überwachte. Über die Jahrzehnte haben wir eine Professionalisierung hin zu einem eigenständigen Berufsbild erlebt. Stark geprägt hat uns in den letzten Jahren das Recovery-Modell. Dieses fördert und unterstützt die Selbstbestimmung der Betroffenen. Sie sollen trotz einer psychischen Beeinträchtigung eigene Entscheidungen treffen. Das hat in weiten Kreisen zu einer anderen Haltung gegenüber den Patienten geführt.

Roger Staub: Aus Sicht von Pro Mente Sana muss die Recovery-Orientierung ein prägendes Element der modernen Psychiatrie sein. Wir sind der Auffassung, dass es das Ziel jeder Behandlung sein muss, einen Menschen mit einer psychischen Erkrankung wieder zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dazu müssen die Patienten gestärkt werden und es muss ein Dialog auf Augenhöhe mit dem Fachpersonal stattfinden. Wobei für mich neben Ärzten, Pflegenden und Patienten auch die Angehörigen eingebunden werden müssen. Es darf kein Konflikt zwischen den Dialoggruppen entstehen, sondern es muss ein transparentes und offenes Miteinander sein, damit der Patient gestärkt entscheiden kann.

Urs Ribi: Das Recovery-Modell vertritt zudem die Ansicht, dass jeder Patient zum Experten seiner eigenen Krankheit wird. Diese Absicht impliziert bereits, dass er über alles informiert und aktiv miteinbezogen wird. Die Fachpersonen stehen mit dem Patienten bezüglich seiner psychischen Erkrankung in einem ständigen Dialog. Letztlich trifft der Betroffene die Entscheidungen darüber, welche Massnahmen er für richtig hält. Wir nennen das «Shared Decision Making». Dieser Ansatz verfolgt das Ziel, dass wir gemeinsam mit dem Patienten definieren, wie sein Aufenthalt gestaltet wird.

Wie beurteilt Pro Mente Sana die Leistungen der Pflege?

Roger Staub: Wir sind sehr froh, dass sich der Pflegeberuf vom «Krankenwärter» zu seinem heutigen professionellen Verständnis entwickelt hat. Davon profitieren letztlich die Patientinnen und Patienten, deren Interessen uns als Pro Mente Sana am Herzen liegen. Wir hören regelmässig von Betroffenen, dass sie ihre Fortschritte vorwiegend dem Pflegepersonal verdanken und nicht etwa den behandelnden Ärzten oder den Therapien. Grund dafür ist, dass die Beziehung zum Pflegepersonal in einer für den Patienten schwierigen Phase aufgebaut wird. Wenn eine psychische Beeinträchtigung überwunden werden muss, sind solche vertrauensvollen Verbindungen sehr viel wert und stärken die Patienten. Zudem steht das Pflegepersonal täglich mit ihnen in Kontakt. Daraus entwickelt sich ein Gespür für den Menschen hinter dem Patientennamen.

Urs Ribi: Wie wertvoll das Vertrauen zwischen Pflegepersonal und Patienten ist, haben wir in der Psychiatrie St.Gallen Nord ebenfalls erkannt. Deshalb agieren wir in interdisziplinären Teams. Es ist nicht mehr so, dass der behandelnde Arzt alle wichtigen Entscheidungen im Alleingang trifft. Wir verfolgen gemeinsam das Ziel, die bestmögliche Behandlung für den Patienten zu finden. Zu seinem Wohl müssen alle am selben Strick ziehen. Es kommt durchaus vor, dass wir in der Pflege andere Ansichten haben als die Ärztinnen und Ärzte – gerade weil wir in täglichem Kontakt mit den Patienten stehen. Ein offener Dialog ist in solchen Fällen sehr wichtig.

Wie schwierig ist der Spagat zwischen Selbstbestimmung und optimaler Therapie?

Urs Ribi: Es kann sein, dass die Vorstellungen der Betroffenen nicht mit jenen der Behandler übereinstimmen. In diesen Fällen ist es wichtig, dass wir mit dem Patienten ein Gespräch auf Augenhöhe führen und eine Therapiemethode finden, die ihm entspricht und gleichzeitig die bestmöglichen Erfolgschancen bietet. Eine Sonderform sind Patienten, die aufgrund einer fürsorgerischen Unterbringung zu uns kommen, also gegen ihren Willen. Das geschieht in der Regel, wenn eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung besteht. Sie machen etwa einen Viertel aller Patienten aus.

Roger Staub: Gerade bei der fürsorgerischen Unterbringung ist eine Organisation wie unsere wichtig. Wir glauben, dass es zu viele solche Fälle gibt, vor allem in Kantonen, in denen die Unterbringung nicht durch einen Amtsarzt beziehungsweise Facharzt oder ein spezialisiertes Gremium angeordnet wird. Ein Eingriff in die persönliche Freiheit darf nie leichtfertig erfolgen, nur weil jemand nicht ganz den sozialen Normvorstellungen entspricht. Wer gegen seinen Willen in eine Psychiatrie eingeliefert wird, darf übrigens eine Vertrauensperson benennen. Ist das im persönlichen Umfeld nicht möglich, verfügen wir über einen Pool von Freiwilligen, die diese Funktion erfüllen. Aus finanziellen Gründen ist dies leider erst im Kanton Zürich möglich.

Wie stellen die Partner die Nachversorgung der Patienten sicher?

Roger Staub: Wir beraten Betroffene und Angehörige auch nach dem Aufenthalt in der Psychiatrie – etwa bei Rechtsfragen oder bei der Integration im sozialen Umfeld. Wir können noch keine dauerhafte Begleitung anbieten, hier wollen wir uns aber weiterentwickeln. Zum Beispiel könnten wir den Patienten einen Peer zur Seite stellen, der die Situation aus persönlicher Erfahrung kennt. Auch hier stellt sich natürlich die Frage der Finanzierung.

Urs Ribi: Die meisten Patientinnen und Patienten werden nach einem stationären Aufenthalt ambulant weiterbehandelt, bei einem Psychotherapeuten, Psychiater oder durch die aufsuchende psychiatrische Pflege. Die Psychiatrie St.Gallen Nord stellt in Absprache mit dem Patienten die Kontakte her. Was wir in den letzten Jahren stark ausgebaut haben, sind tagesklinische Angebote, die Patienten für mindestens vier Stunden täglich in Anspruch nehmen können. So können sie zu Hause übernachten und ihr autonomes Leben weiterführen.

 

Herr Staub, Herr Ribi, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde telefonisch geführt und die Bilder wurden separat erstellt. 

 

Roger Staub ist Geschäftsleiter der Stiftung Pro Mente Sana.

Urs Ribi ist Leiter Pflege a.i. der Psychiatrie St.Gallen Nord.

Das Interview wurde bereits im Unternehmensmagazin_2 «Zeit zum Reden» (pdf) veröffentlicht.

 

 

Kurzporträt des Partners

Die Stiftung Pro Mente Sana kümmert sich seit 1978 um Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung. Sie bietet kostenlose Beratungen für Betroffene oder Angehörige in psychosozialen und rechtlichen Fragen. Pro Mente Sana publiziert Ratgeber sowie Informationsbroschüren und ist Herausgeberin der Zeitschrift «Kontext», die über Entwicklungen im Bereich psychische Gesundheit und Krankheit berichtet.

Website der Stiftung Pro Mente Sana