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Wie verändert sich die Psyche im Alter?

01.10.2020, Dialog

Die Alters- und Neuropsychiatrie befasst sich mit der psychischen Gesundheit älterer Menschen. Hausarzt KD Dr. Dr. Vladimir Sibalic und Dr. Antje Schatton, Leiterin des Konsiliardiensts der Ambulanten Alters- und Neuropsychiatrie St.Gallen, im Gespräch über das Leben in der Vergangenheit, die Herausforderung des Altwerdens und die Verwandtschaft von Depression und Demenz.

Was leistet die Abteilung für Alters- und Neuropsychiatrie der Psychiatrie St. Gallen Nord?

Antje Schatton: Unser Auftrag ist die Versorgung von Patientinnen und Patienten ab 60 Jahren. Wir bieten ambulante oder stationäre Versorgung an und beim Verdacht einer kognitiven Erkrankung führen wir Abklärungen in unserer Memory Clinic durch. Wird eine Behandlung nötig, tritt entweder der Patient selbst, sein Hausarzt oder ein niedergelassener Psychiater für eine Zuweisung an uns heran. Zudem führen wir in Spitälern und Pflegeeinrichtungen in der Stadt St.Gallen und Umgebung psychiatrische Behandlungen am Krankenbett durch.

Was ist und macht der Hausärzteverein St. Gallen?

Vladimir Sibalic: Wir sind eine vielseitige Gruppe von etwa 50 Hausärztinnen und Hausärzten in St.Gallen und sehen uns als Interessenvertreter einer guten medizinischen Grundversorgung. Dazu gehört, dass wir den Austausch zwischen praktizierenden Ärzten oder Spitälern koordinieren. So stellen wir sicher, dass die medizinische Versorgung rund um die Uhr gewährleistet ist.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit der Hausärzte mit der Psychiatrie St.Gallen Nord?

Vladimir Sibalic: Die Partnerschaft kommt unter anderem bei dringenden Fällen zum Tragen, die sich notfallmässig zuspitzen. Wenn wir als Hausärzte den Patienten nicht mehr ideal betreuen können und der Notfall auf einem psychischen Problem basiert, verweisen wir ihn an die Psychiatrie St.Gallen Nord. In weniger dringenden oder sich langsam anbahnenden Fällen suchen wir als Ansprechperson den Austausch mit dem Patienten, um gemeinsam die bestmögliche Lösung für ihn zu definieren. Die Zuweisung an die Psychiatrie erfolgt in der Regel schriftlich, bei akuten Fällen telefonisch.

Antje Schatton: Die Zusammenarbeit ist auch ein wichtiger Bestandteil im Anschluss an die stationäre Behandlung eines Patienten. Wir als Psychiatrie St.Gallen Nord kommen als ambulanter Nachversorger zum Tragen. Dadurch werden wir zum Partner der Hausärzte, denn die hausärztliche Behandlung läuft ja weiter. Die Hausärzte erhalten von uns ein Schreiben, in dem wir sie über die Diagnose orientieren und ihnen mitteilen, was bezüglich der Medikamente und zum weiteren Prozedere mit dem Patienten besprochen wurde. Es kann auch sein, dass der Hausarzt die von uns verschriebenen Medikamente abgibt.

Wie tragen die Hausärzte zur psychiatrischen Behandlung bei?

Vladimir Sibalic: Wir kennen unsere Patientinnen und Patienten sehr lange und können helfen, den Schritt zur Psychiatrie niederschwellig zu gestalten. Weil ich weiss, welchen Rucksack ein Mensch mitträgt, habe ich ein ganzheitliches Bild seiner Situation. Wenn ein Patient mit Knieproblemen zu mir kommt, weiss ich vielleicht aus einem früheren Gespräch mit ihm, dass er auch unter Ängsten leidet. Wir reden in dieser Situation über das Knie, weil es in dem Moment das zentrale Anliegen des Patienten ist. Dafür haben wir Verständnis. Zu einem späteren Zeitpunkt suchen wir das psychosomatische Gespräch und thematisieren die Angstproblematik. Oft betreuen wir ja ganze Familien über mehrere Generationen. Das schafft Vertrauen, man kennt und schätzt sich.

Was sind typische Symptome und Diagnosen in der Alters- und Neuropsychologie?

Antje Schatton: Eine der Folgen der steigenden Lebenserwartung ist, dass wir immer mehr ältere Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen haben. Zu den häufigsten Diagnosen gehören Ängste, Depressionen, psychosomatische Beschwerden, kognitive Einschränkungen und Demenzerkrankungen. Spezielle Formen der Erkrankungen sind solche, die mit einer Demenz einhergehen. Gerade Alters- und Pflegeheime werden oft mit Begleiterscheinungen einer Demenzerkrankung konfrontiert. Die Betroffenen können beispielsweise paranoide Störungen, Unruhe oder Aggressionen entwickeln.

Unterscheidet sich die Psyche von alten und jungen Menschen?

Antje Schatton: Die Herausforderungen im fortgeschrittenen Alter sind andere. Ältere Menschen haben ihr Berufsleben hinter sich, die intensive Zeit mit der eigenen Familie gehört der Vergangenheit an. Sie schauen oft bilanzierend auf ein ganzes Leben zurück. Zudem ergeben sich neue Umstände wie der Verlust von Bezugspersonen, die sie über viele Jahre begleitet haben. Die Probleme beginnen oft bei der Pensionierung, wenn die berufliche Wertschätzung wegfällt und der Alltag weniger Strukturen hat. Dazu kommen körperliche Beschwerden, gleichzeitig nehmen die kognitiven Fähigkeiten ab. Das alles sind Risikofaktoren.

Vladimir Sibalic: Als Hausarzt sehe ich bei den älteren Patienten neben den körperlichen Gebrechen auch Schmerzen, Unruhe und immer öfter Angstsymptome: Angst vor dem Tod, dem Sterbeprozess, dem Alleinsein, vor Verarmung. Verstärkt beschäftigt mich der schmale Grat zwischen Depression und Demenz. Diese Differenzierung ist eine Knacknuss, zumal die Erkrankungen teilweise ineinanderfliessen. Sie sind wie Geschwister. In diesem Punkt wünsche ich mir eine noch intensivere Zusammenarbeit mit der Psychiatrie St.Gallen Nord.

Antje Schatton: Für uns Psychiaterinnen und Psychiater ist es ebenfalls eine grosse Herausforderung, Demenz und Depression in der Diagnose differenziert zu betrachten. Es ist typisch, dass Patienten im Anfangsstadium einer Demenz auch depressiv werden. Umgekehrt zeigen depressive Personen manchmal sogenannte pseudodemente Symptome. Beispielsweise lassen ihre Konzentration und Aufmerksamkeit nach oder sie haben Mühe, sich zu orientieren. Depression und Demenz lassen sich nicht einfach wegoperieren. Beides erfordert gezielte therapeutische oder medikamentöse Behandlungen.

Wie erfolgt die Diagnose bei einer Depression oder Demenz?

Vladimir Sibalic: Bei einem Verdacht auf Depression bin ich auf die Angaben des Patienten angewiesen. Ich frage ihn nach seinem Wohlbefinden, er gibt mir Auskunft über seine Emotionen. Diese sind jedoch nicht messbar, ich muss also auf die Offenheit und Ausdrucksfähigkeit vertrauen. Als Hausarzt muss ich die Fragen so formulieren, dass die Antwort des Patienten mir erlaubt, auf eine Depression zu schliessen. Bei der Demenz hingegen ist die Beobachtung von aussen sehr wichtig. Vielleicht sind Probleme vorhanden, die der Patient selbst gar nicht bemerkt oder artikulieren kann. Da gewinnt der Dialog mit den Angehörigen an Bedeutung.

Gibt es Besonderheiten im Gespräch mit Patienten in der Alters- und Neuropsychiatrie?

Vladimir Sibalic: Wenn ich mit einer hochbetagten Patientin spreche, dann spüre ich den Zeitgeist einer früheren Generation. Ich lausche gewissermassen in die Vergangenheit. Um ihre Probleme zu verstehen, muss ich mich zurückversetzen. Wie ist es diesem Menschen früher ergangen? Warum ist er heute so, wie er ist? Ich brauche mehr Fingerspitzengefühl, muss stärker auf die emotionale und kognitive Verfassung der Patientin achten.

Antje Schatton: Diese Reisen in die Vergangenheit empfinde ich als wunderschön. Das nutzen wir in der Arbeit mit unseren älteren Patienten ganz aktiv. Wenn es möglich ist, öffnen wir die Schatztruhe des Lebens und schauen, was wir darin an positiven Erinnerungen vorfinden. Gerade bei sozial isolierten Patienten lösen solche Bilder positive Gefühle aus. Häufig höre ich von ihnen, dass sie lebhafte Erinnerungen an ihre Kindheit haben. Bäuerliche Umgebungen, Blumenwiesen, mit Freunden in der Natur spielen – das sind wahre Schätze.

Besteht die Gefahr, dass man ältere Menschen nicht mehr ernst nimmt, weil sie immer die gleichen Geschichten erzählen und in Erinnerungen schwelgen?

Antje Schatton: Für Kinder und Enkelkinder kann es langweilig sein, wenn Oma und Opa von früher erzählen. Für ältere Menschen fühlen sich diese Geschichten immer wieder neu an, es belebt sie und macht ihnen Freude. Ich empfehle den betroffenen Familien, ein Gespür für einen Themenwechsel zu entwickeln. Nur so wird ein echter Austausch möglich. Diese Sensibilisierung ist wichtig, damit es im Umgang mit älteren Menschen nicht zu einer Verletzung der Gefühle kommt.

 

Frau Schatton, Herr Sibalic, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.

 

KD Dr. Dr. Vladimir Sibalic ist Hausarzt und Präsident des Hausärztevereins St.Gallen.

Dr. Antje Schatton ist Oberärztin und Leiterin des Konsiliardiensts der Ambulanten Alters- und Neuropsychiatrie St.Gallen der Psychiatrie St.Gallen Nord.

Das Interview wurde bereits im Unternehmensmagazin_2 «Zeit zum Reden» (pdf) veröffentlicht.

Kurzporträt des Partners

Der Hausärzteverein St.Gallen existiert seit 1996 und schafft einen Austausch zwischen Ärzten, Kliniken und Spitälern aus der Region. Die aktive Vernetzung der verschiedenen Partner hat zum Ziel, die medizinische Grundversorgung der Einwohnerinnen und Einwohner zu gewährleisten.