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Was tun gegen den Ärztemangel in der Psychiatrie?

26.08.2020, Dialog

Der Mangel an jungen Ärztinnen und Ärzten betrifft die Psychiatrie in besonderem Mass. Prof. Dr. Erich Seifritz und PD Dr. Thomas Maier im Gespräch über die Bedeutung der Aus- und Weiterbildung sowie den neuen Joint Medical Master in St.Gallen.

Man liest viel vom Fachkräftemangel in der Medizin. Gilt das auch für die Psychiatrie?

Erich Seifritz: In der Schweiz bilden wir viel zu wenig Mediziner aus. Etwa 40 Prozent der Ärzte in den Spitälern haben ein ausländisches Diplom. Zudem entscheiden sich von den angehenden Ärzten in der Schweiz nur wenige für die Psychiatrie. Andere Disziplinen erfreuen sich grösserer Beliebtheit. Interessanterweise zieht es am Anfang mehr Studierende in die Psychiatrie, die Präferenzen verschieben sich dann im Lauf des Studiums. Wir beobachten aber, dass häufig ältere Ärzte in die Psychiatrie wechseln, weil sie erkennen, wie attraktiv das Fach ist.

Thomas Maier: Dass die Psychiatrie als weniger attraktiv gilt, hat verschiedene Gründe. Sicher spielt das Geld eine Rolle. Andere Disziplinen eröffnen bessere finanzielle Perspektiven. Daneben sehe ich weitere Ursachen, zum Beispiel die Angst vor belastenden Themen wie Gewalt oder Suizid. Vielleicht spielt auch der Zugangstest zum Medizinstudium eine Rolle, weil emotionale und soziale Kompetenzen dort zu kurz kommen.

Wie äussert sich der Ärztemangel in Ihrem Alltag?

Thomas Maier: Es ist sehr schwierig, Assistenzärzte zu finden. Es gelingt uns zwar, freie Stellen zu besetzen, ich würde mir aber wünschen, dass wir aus mehr Bewerbungen wählen könnten und dass wir mehr Kandidaten mit Deutsch als Muttersprache hätten – obwohl wir auch sehr gute Erfahrungen mit jungen Ärzten machen, die eine andere Muttersprache haben.

Erich Seifritz: Auch bei uns ist es anspruchsvoller geworden. Als Universitätsklinik sind wir aber in einer privilegierten Situation. Der Standort Zürich ist ein Vorteil. Zudem fühlen wir uns als Universitätsklinik mitverantwortlich für die Entwicklung der Psychiatrie als interessantes, attraktives und stolzes medizinisches Fach in der Schweiz. Wir setzen uns für die Nachwuchsförderung und die Attraktivität der Psychiatrie und Psychotherapie für junge Ärztinnen und Ärzte ein.

Welche Rolle spielt die Bildung in Ihrer täglichen Arbeit?

Thomas Maier: In erster Linie verantworten die Oberärzte die direkte Weiterbildung der Assistenzärzte. Chefärzte und Leitende Ärzte engagieren sich neben ihren Haupttätigkeiten auch in der Ausbildung von angehenden Medizinern. Ich selbst gehöre seit 2004 dem Lehrkörper der medizinischen Fakultät der Universität Zürich an. Es ist aber nicht immer leicht, die Lehrtätigkeit mit den klinischen Tätigkeiten und den Führungsaufgaben unter einen Hut zu bringen.

Erich Seifritz: Die Bedeutung zeigt sich auch im Arbeitspensum. Wir Ärzte haben in der Schweiz eine 50-Stunden-Woche. Assistenzärzte widmen im Schnitt acht Stunden pro Woche der Weiterbildung. Bei Oberärzten schätze ich, dass rund 50 Prozent der Zeit für Weiterbildungsaufgaben für Assistenzärzte eingesetzt wird.

Welche Leistungen erbringen die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich und die Psychiatrie St.Gallen Nord in der Aus- und Weiterbildung?

Thomas Maier: Man muss zwischen Ausbildung und Weiterbildung unterscheiden. Das eigentliche Studium, also die Ausbildung, ist die Domäne der Universitäten. Die Psychiatrie St.Gallen Nord ist dafür verantwortlich, Ärzte nach dem Staatsexamen zu Fachärzten weiterzubilden. Wir gehören zu den akkreditierten Weiterbildungsstätten der höchsten Kategorie und bieten ein breites Spektrum von Bildungsmöglichkeiten in der stationären und ambulanten Psychiatrie an, auch in Spezialgebieten wie Forensik, Suchttherapie oder Alterspsychiatrie.

Erich Seifritz: Wir sollten nicht vergessen, dass die Psychiatrie St.Gallen Nord eine der wenigen Kliniken ist, die als Lehrspital der Universität Zürich zertifiziert wurde. Schon vor dem Staatsexamen besuchen Studierende klinisch-praktische Kurse in realen Spitalsituationen. Diese intensiven Ausbildungsformate finden seit Jahren auch in der Psychiatrie St.Gallen Nord statt.

Die guten Beziehungen kommen im neuen Joint Medical Master der Universitäten Zürich und St.Gallen zum Tragen. Worum geht es?

Erich Seifritz: Das Studienangebot geht auf eine Initiative des Bundesrates zurück, die dem Ärztemangel entgegenwirken will. In mehreren Regionen der Schweiz wurden in der Medizin neue Studienplätze geschaffen. 40 dieser Plätze bietet der Joint Medical Master – übrigens das erste Medizinstudium in der Ostschweiz. Die Studierenden absolvieren die ersten drei Jahre in Zürich und wechseln dann nach St.Gallen.

Thomas Maier: Eine der Absichten des Joint Medical Master ist, dass Absolventen nach dem Studium in der Ostschweiz bleiben. Um das zu fördern, profitieren alle Studierenden von einem persönlichen Mentoring durch Ärzte aus der Region. So entstehen Netzwerke, die später in der Praxis von Vorteil sind.

Wie trägt die Psychiatrie St.Gallen Nord zum neuen Studiengang bei?

Erich Seifritz: Neben den beiden Universitäten Zürich und St.Gallen sind das Kantonsspital St.Gallen und die Fachhochschule St.Gallen massgeblich beteiligt. Und natürlich ist die Psychiatrie ein wichtiger Teil des Studiums, mit der Psychiatrie St.Gallen Nord als wichtigem Partner.

Thomas Maier: Wir sind sowohl in der Konzeption als auch im Studienbetrieb engagiert. Mein Kollege PD Dr. Dr. Ulrich Hemmeter verantwortet den Bereich «Psyche und Verhalten», ich die «Psychosoziale Medizin». Dass das Studium neu entwickelt wurde, hat den Vorteil, dass wir bei der Lehre innovative Ansätze verfolgen können. Es gibt weniger klassischen Frontalunterricht, stattdessen mehr interaktive Lehrveranstaltungen.

Erich Seifritz: Bei den Lernformaten ist der Joint Medical Master wegweisend. Hier greift auch der Vorteil der kleineren Gruppen. Zum Beispiel übertragen wir Vorlesungen per Video-Streaming aus dem Hörsaal in Zürich. Im Anschluss wird das Wissen in der St.Galler Master-Klasse vertieft. Das neue Studium berücksichtigt psychische Krankheiten in ihrer ganzen Komplexität. Die inhaltlichen Schwerpunkte haben wir gemeinsam mit unseren Partnern in St.Gallen im Vergleich zu ähnlichen Studiengängen bewusst anders gesetzt. Wir legen den Fokus beispielsweise viel mehr auf die Grundversorgung, die interdisziplinäre Vernetzung oder das Management im Gesundheitswesen.

Welchen Stellenwert hat die Psychiatrie innerhalb des Joint Medical Master?

Erich Seifritz: Einzelne Fächer werden hauptsächlich als Themenblöcke im vierten Studienjahr behandelt. Mit vier Wochen hat die Psychiatrie hier einen relativ grossen Anteil, entsprechend ihrer Bedeutung in der Medizin und der Versorgung der Bevölkerung. Beim neuen Programm sind die Disziplinen zudem stärker als bisher miteinander vernetzt.

Thomas Maier: Am Anfang der Planung hatten wir das Gefühl, dass die Psychiatrie ein bisschen vergessen ging. Wir konnten uns dann aber gut einbringen. Bei somatisch-medizinischen Fächern liegt die Federführung beim Kantonsspital, wir sind dafür bei der Psychiatrie und der psychosozialen Medizin prägend.

Erich Seifritz: In der Arbeitsgruppe, die das Curriculum entwickelt hat, war die Psychiatrie St.Gallen Nord mit PD Dr. Dr. Ulrich Hemmeter vertreten. Ich selbst gehörte als Fachvertreter der Universität Zürich zum Sounding Board des Joint Medical Master. Beides war wichtig, um die verschiedenen Disziplinen und Interessen in der Startphase abzustimmen.

Das St.Galler Stimmvolk hat den Masterstudiengang deutlich angenommen. Warum das klare Ja?

Thomas Maier: Die grosse Zustimmung zeigt, dass die Menschen den Ärztemangel sehen. Sie wollen, dass in diesem Bereich mehr investiert wird. Die Finanzierung übernimmt zu einem grossen Teil der Kanton St.Gallen. Auch andere Ostschweizer Kantone beteiligen sich substanziell. Die Startfinanzierung des Bundes macht nur einen geringen Anteil der Investition aus.

Über das neue Studienangebot hinaus: Was muss sich ändern, damit psychiatrische Berufe an Attraktivität gewinnen? 

Thomas Maier: Wir müssen ein anregendes Lern- und Arbeitsumfeld für junge Leute schaffen. Die 40 Studienplätze in St.Gallen sind ein Tropfen auf den heissen Stein. Von 6000 jungen Menschen, die in der Schweiz Medizin studieren wollen, bekommen weniger als ein Viertel einen Studienplatz. Davon entscheidet sich nur ein kleiner Teil für unsere Disziplin. In der Psychiatrie ist auch der Spardruck sehr gross. Das hat zwangsläufig einen Einfluss auf die Attraktivität für junge Ärztinnen und Ärzte, weil die Arbeitsbelastung zunimmt.

Erich Seifritz: Es kann einfach nicht sein, dass die Psychiatrie im Vergleich mit anderen Fächern so stark unterbewertet ist. Wie will ich als Professor vermitteln, dass sie eine gleichwertige Spezialisierung ist, wenn die Verdienstchancen so unterschiedlich sind? Hinzu kommt, dass die Psychiatrie in den Medien vielfach in einem negativen Licht dargestellt wird, obwohl wir enorm zur Grundversorgung beitragen. Das müssen wir viel besser vermitteln. Wir sind die komplexeste, aber auch die spannendste Disziplin der Medizin, weil wir Biomedizin, Psychologie und Sozialfächer verbinden. «Biopsychosozial» – das ist das Zauberwort.

Herr Seifritz, Herr Maier, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.

Das Interview wurde bereits im Unternehmensmagazin_2 «Zeit zum Reden» (pdf) veröffentlicht.

Prof. Dr. Erich Seifritz ist Ordinarius für Psychiatrie der Universität Zürich, Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich sowie Verwaltungsratsmitglied der Psychiatrieverbunde des Kantons St.Gallen.

PD Dr. Thomas Maier ist seit 2010 Chefarzt der Erwachsenenpsychiatrie und Mitglied der Geschäftsleitung der Psychiatrie St.Gallen Nord.

 

Kurzporträt des Partners

Seit 1870 steht das ehemalige Burghölzli in Zürich im Dienst der Behandlung von Menschen mit psychischer Erkrankung. Heute trägt die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK) die Verantwortung für die Versorgung der Menschen aus dem Raum Zürich. Grosse Bedeutung hat auch die Aus- und Weiterbildung von Ärzten, ebenso wie die Vernetzung mit anderen Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene. Die Forschung der Psychiatrischen Universitätsklinik hat Weltruhm und fokussiert sich auf die Entwicklung innovativer Therapien der Psychiatrie und Psychotherapie.

Website der PUK Zürich

 

Webseite des Joint Medical Master der HSG