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Was bewegt die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen?

05.11.2020, Dialog

Die moderne Psychiatrie kümmert sich auch um die Angehörigen eines Menschen mit psychischer Erkrankung. Susanna Rodi-Giger, Mario Sonderegger, Werner Kempter und Edith Scherer im Gespräch über das Überwinden von Schuldgefühlen und das Bauen von Brücken.

Die Psychiatrie St.Gallen Nord verfügt über eine Angehörigenberatung. Worum geht es bei diesem Angebot?

Edith Scherer: Die Psychiatrie St.Gallen Nord hat vor 20 Jahren die erste individuelle, an eine Klinik angegliederte Beratungsstelle für Angehörige gegründet. Unsere Aufgabe ist es, für die Angehörigen eines Menschen mit einer psychischen Erkrankung ein offenes Ohr zu haben und sie beratend zu unterstützen. Die emotionale Belastung für Angehörige ist oft sehr hoch. Sie werden mit vielen Fragen konfrontiert: Wie funktioniert die Psychiatrie? Wie muss ich mich gegenüber dem Erkrankten verhalten? Wie kann ich helfen? Die Angehörigenberatung gibt Antworten darauf. Wir sind eine Anlaufstelle für alle Angehörigen, unabhängig davon, wo die Person mit einer Erkrankung in Behandlung ist. Es ist äusserst erfreulich, dass es in der Schweiz mittlerweile mehrere solcher Beratungsstellen für Angehörige gibt. Sie sind durch das Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie miteinander verbunden.

Die Angehörigenberatung nimmt auch am Trialog St.Gallen teil. Was steckt hinter diesem Angebot?

Mario Sonderegger: Wir sind ein Dialogforum, das acht Mal jährlich Angehörige von Menschen mit einer psychischen Erkrankung mit Fachpersonen und Betroffenen zusammenbringt. Der offene Austausch dieser drei Parteien bietet den Vorteil, dass Krankheiten und ihre Folgen aus dem Blickwinkel aller Beteiligten betrachtet werden. Das schafft Verständnis und erleichtert den Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen. Sich auf Augenhöhe zu treffen fördert Offenheit, Respekt und Vertrauen. Als Betroffener mit einer Weiterbildung zum Peer schätze ich diese Treffen ausserordentlich.

Sie haben die Peers erwähnt. Was steckt hinter diesem Begriff?

Mario Sonderegger: Ein Peer ist ein Mensch, der einen Umgang mit einer psychischen Erkrankung gefunden hat und die Patientensicht aus eigener Erfahrung kennt. Darauf baut die Ausbildung zum Peer auf. Im ersten Teil der Ausbildung wird die Fähigkeit der Selbstreflexion gestärkt. Jeder Peer muss seine eigene Geschichte aufarbeiten und vorstellen. Dadurch lernt man viel voneinander und es entsteht ein Verständnis für die Erkrankung, ihre verschiedenen Phasen und die Reaktionen darauf. Der zweite Teil der Ausbildung reichert diese Erkenntnisse mit methodischem und praktischem Wissen an, um Betroffene auf ihrem Genesungsweg zu begleiten. Peers vermitteln den Betroffenen wieder Mut und Hoffnung. Wir sehen uns als Brückenbauer. Betroffene sollen denken: Hey, der hat es geschafft, das kann ich auch! Mittlerweile wird Peer-Arbeit vermehrt in die Behandlung einbezogen und anerkannt.

Welche Vorteile hat der Trialog?

Susanna Rodi-Giger: Der Weg zur Unterstützung ist niederschwellig. In der Psychiatrie sind die mentalen Hürden grösser, sich Hilfe zu suchen. Zum Trialog kommen die Angehörigen als Menschen und nicht als Patientenvertreter. Der Austausch findet auch ausserhalb des klinischen Rahmens statt. Es ist ein freier Raum, in dem das Namensschild keine Bedeutung hat. Viele unserer Stammgäste kennen sich schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten. Sie stehen gemeinsam gute und schlechte Zeiten durch, erleben sich gegenseitig in den verschiedensten Situationen und sind füreinander da.

Worin unterscheiden sich die Angebote des Trialogs St.Gallen und der Psychiatrie St.Gallen Nord?

Susanna Rodi-Giger: Wenn Angehörige das Angebot der Psychiatrie in Anspruch nehmen, herrscht oft eine Not. Meistens hat sich im Umgang mit einem Erkrankten eine Situation ergeben, die für eine gewisse Ohnmacht oder Hilflosigkeit sorgt. Den Angehörigen wird ein Raum geboten, in dem sie in einer ruhigen Atmosphäre über das Erlebte reden können. In solchen Fällen dreht es sich meistens um zentrale Fragen: Wie äussert sich die Erkrankung? Was kann ich in dieser Situation konkret tun? Auch im Trialog gibt es die Möglichkeit, über Lösungen zu diskutieren. Es sind aber keine Dialoge zwischen Angehörigen und Fachpersonen – es sind Trialoge. Durch den Einbezug von Menschen mit einer psychischen Erkrankung wird es zu etwas Ganzheitlichem.

Edith Scherer: Für die moderne Psychiatrie ist es ein Muss, für Angehörige eine Anlaufstelle anzubieten. Das zeigt unsere Wertschätzung für Menschen, die im Leben einer erkrankten Person eine wichtige Rolle spielen. Das sollte zum Gesamtpaket der psychiatrischen Versorgung gehören. Wir wollen einen Ort bieten, an dem die Angehörigen ihre Sorgen mitteilen können. Bildlich gesprochen dürfen wir sie nicht vor der Tür stehen lassen. Wenn die Angehörigen nicht wissen, was wir machen und warum wir es machen, wie sollen sie es dann verstehen? Dieses Verständnis für die psychiatrische Arbeit schaffen wir durch unser Angebot.

Werner Kempter: Als Angehöriger suche ich den Trialog auf, um mich mit Gleichgesinnten zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und daraus zu lernen. Die Hemmschwelle ist für mich sehr niedrig. Die Psychiatrie nehme ich als Fachinstitution wahr. Damals war es so, dass das gesundheitliche Wohl meines Sohnes plötzlich in fremden Händen lag. Da braucht es eine ganz andere Art des Vertrauens. Ich habe aber immer den Kompetenzen der Ärtze und des Fachpersonals vertraut. Als Vater war ich in diesem Moment erleichtert, dass sich jemand um mein Kind kümmert.

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen den Partnern aus?

Edith Scherer: Wichtig für den gegenseitigen Austausch ist die Rolle von Susanna Rodi-Giger, die sowohl für die Angehörigenberatung der Psychiatrie St.Gallen Nord als auch für den Trialog St.Gallen tätig ist. Durch sie als Verbindungsglied findet ein aktiver Austausch statt. Zudem empfehlen wir Klientinnen und Klienten den Trialog gerne als Anlaufstelle für zusätzliche Gespräche. Gerade wenn jemand keine Ansprechperson im eigenen Umfeld hat, sind solche Angebote eine gute Ergänzung zu unserer Beratungsstelle. Darüber hinaus haben wir mit der Säntis-Psychiatrie-Tagung einen grossen Anlass, bei dem wir intensiv zusammenarbeiten.

Mario Sonderegger: Die jährlich stattfindende Säntis-Psychiatrie-Tagung ist für alle Beteiligten ein sehr wichtiger Anlass (Anm. d. Red.: Die 20. Säntis-Psychiatrietagung war für den 5. November 2020 geplant, wurde aber auf 2021 verschoben). Es ist eine Plattform, in der verschiedene Sichtweisen – Betroffene und Peers, Angehörige und Fachpersonen – zur Sprache kommen. Es werden Vorträge und Präsentationen rund um den Umgang mit psychischen Erkrankungen gehalten. Genauso wichtig ist die Zeit zwischen den Programmpunkten, die alle Seiten zum Austausch nutzen. Zudem gibt es einen kleinen Marktplatz, der als Schaufenster für Hilfsorganisationen und Vereine dient.

Edith Scherer: Eine der Stärken der Tagung sind die involvierten Partner. Neben dem Trialog und der Psychiatrie sind beispielsweise auch die Stiftung Heimstätten Wil oder die Vereinigung Angehöriger psychisch Kranker dabei. Es ist ein Ort, an den man ohne Angst vor Stigmatisierung hinkommen und sich austauschen kann. Diese Offenheit prägt die Tagung, bei der auch kritische Stimmen erwünscht sind. Der Austausch auf Augenhöhe erlaubt uns, voneinander zu lernen. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Arzt im Kittel vorne stand und den Patientinnen und Patienten sagte, was sie zu tun haben.

Wo kann die Psychiatrie St.Gallen Nord im Umgang mit den Angehörigen noch dazulernen?

Edith Scherer: Wir sollten noch mehr darauf achten, den Kontakt mit den Angehörigen zu pflegen – wann immer das möglich und sinnvoll ist. Zudem sollten wir regelmässig nachfragen, welche Erwartungen die Angehörigen an die Psychiatrie haben. In den Beratungen machen wir die Erfahrung, dass viele Probleme und Missverständnisse entstehen, weil zu wenig nachgefragt wird. Auch innerhalb einer Familie sind die Vorstellungen einer idealen psychiatrischen Versorgung sehr unterschiedlich. Wenn jemand erkrankt, treffen diese Sichtweisen aufeinander. Jedes Familienmitglied hat seine eigene Meinung darüber, was los ist und wie wir als Psychiatrie zu handeln haben. Hier dürfte der Austausch noch stärker sein. Wir müssen die Erwartungen der Angehörigen kennen und in einem zweiten Schritt erklären, was die Psychiatrie leisten kann – und wo die Grenzen sind.

Welche Bedeutung haben Angebote wie der Trialog für die Angehörigen?

Werner Kempter: Als Angehöriger treibt dich eine konkrete Frage um: Warum fällt mein Partner oder mein Kind in einen Zustand, den ich nicht nachvollziehen kann? Es entsteht eine Mischung aus Scham, Unwissenheit und Angst. Mein Sohn leidet seit vielen Jahren an einer psychischen Erkrankung. Im ersten Moment habe ich mich gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe. Ein wichtiger und oftmals schwerer Schritt ist es, die Krankheit als solche zu akzeptieren und keine Schuldgefühle zu entwickeln. Mit dem Trialog St.Gallen habe ich einen Raum, in dem ich offen und ehrlich über diese Gedanken sprechen kann. Ich profitiere von den verschiedenen Sichtweisen. Von den Betroffenen und Peers erfahre ich, wie sich die Erkrankten fühlen, während mir andere Angehörige von ihren Erfahrungen erzählen und die Fachpersonen mir Inputs geben, wie ich mit den Situationen umgehen kann.

Edith Scherer: Der Punkt mit der Schuld ist ein ganz zentraler in der Angehörigenberatung. Jahrzehntelang wurde suggeriert, dass die Angehörigen im Fall einer psychischen Erkrankung eine Mitschuld tragen würden. Von dieser Schuldzuschreibung kommen wir nur sehr schwer weg. Es gibt selten Angehörige in den Beratungen, die nicht bewusst oder unbewusst das Gefühl haben, sie hätten etwas falsch gemacht. Aber wir wissen heute, dass psychische Erkrankungen nicht primär in einem Familiensystem entstehen.

Und wie wichtig ist es aus Sicht des Erkrankten, dass die Angehörigen beraten werden?

Mario Sonderegger: Als ich zum ersten Mal stationär behandelt wurde, war das für mich mit Scham behaftet und unverständlich. Ich habe selbst nicht verstanden, wie ich in diese Situation kommen konnte. Deshalb war es für mich unmöglich, alles auch noch meiner Frau zu erzählen. Wir haben damals beide diese Hilflosigkeit gespürt. Keiner wusste, wie er dem anderen helfen kann. Wenn in einer solchen Situation niemand da ist, entsteht ein belastendes Vakuum. Keiner weiss genau, wie und warum es so weit gekommen ist. Ich war damals extrem froh, dass meine Frau professionelle Hilfe in Anspruch nehmen konnte. Sie hat jemanden gebraucht, der ihr übersetzt, was mit ihrem Mann los ist.

Edith Scherer: Die Unterstützung der Angehörigen ist für alle Beteiligten zentral. Menschen mit einer psychischen Erkrankung werden oft mit Aussagen wie «reiss dich mal zusammen» konfrontiert. Wir müssen bei den Angehörigen das Bewusstsein fördern, dass es zu krankheitsbedingten Einschränkungen kommt. Gleichzeitig sollen sich die Angehörigen wertgeschätzt fühlen, da sie eine wichtige Rolle einnehmen.

Susanna Rodi-Giger: In diesem Bereich spüre ich einen Wandel. Gerade junge Menschen mit einer psychischen Erkrankung kommen oft und bitten uns, ihr Umfeld über ihre Krankheit aufzuklären. Da fehlen manchmal einfach die Worte oder das Wissen für fundierte Erklärungen. Genau dafür sind wir da und schaffen eine Entlastung. Wir bauen eine Brücke, um das Verständnis bei den Angehörigen zu erhöhen und gleichzeitig den Druck zu verringern, sich erklären zu müssen. Es ist den Betroffenen wichtig, dass die Menschen aus ihrem Umfeld verstehen, was mit ihnen los ist.

Dieses «reiss dich zusammen» – wie wirkt das auf Betroffene?

Mario Sonderegger: Man hört diese Aussage oft. In solchen Fällen helfen nur Transparenz und Offenheit. Ich habe festgestellt, dass dieser Satz nicht mehr fällt, wenn ich meine Geschichte erzähle. Die Menschen sehen dann hinter die Krankheit und erkennen, dass nicht alles einfach schwarz oder weiss ist. Psychische Krankheiten entstehen in vielen Fällen schleichend, manchmal aber auch innert kurzer Zeit. Manche Krankheiten treten nur einmal auf, manche kommen wieder. Sie haben ihre eigenen Geschichten, die eng mit Ereignissen aus dem Leben der Betroffenen verbunden sind. Nur wenn man mit seinem Umfeld über diese Umstände spricht, kann ein Verständnis entstehen. 

 

Frau Rodi-Giger, Frau Scherer, Herr Kempter, Herr Sonderegger, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch. 

 

Edith Scherer ist Leiterin der Angehörigenberatung der Psychiatrie St.Gallen Nord.

Susanna Rodi-Giger ist Angehörigenberaterin der Psychiatrie St.Gallen Nord und Mitglied im Trialog St.Gallen.

Werner Kempter ist Angehöriger und Mitglied im Trialog St.Gallen.

Mario Sonderegger ist Betroffener/Peer und Mitglied im Trialog St.Gallen. 

Das Interview wurde bereits im Unternehmensmagazin_2 «Zeit zum Reden» (pdf) veröffentlicht.

 

Kurzporträt des Partners

Der Trialog St.Gallen ist ein Dialogforum, das von der Vereinigung Angehöriger psychisch Kranker VASK Ostschweiz getragen wird. Der Name ist Programm: «Dreiecksgespräche» zwischen Angehörigen, Betroffenen/Peers und Fachpersonen aus der Psychiatrie fördern das gegenseitige Verständnis und ermöglichen die Lösung von Problemen. Die Mitglieder des Trialog St.Gallen treffen sich acht Mal im Jahr.

Website der VASK Ostschweiz mit Information zum Trialog St.Gallen