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Warum gehört die Psychiatrie zur Stadt Wil?

18.05.2020, Dialog

Die Psychiatrie St.Gallen Nord ist seit vielen Jahren in der Stadt Wil zu Hause. Susanne Hartmann, Wiler Stadtpräsidentin und Niklaus Baumgartner, CEO der Psychiatrie St.Gallen Nord über den Abbau mentaler Stadtmauern, die Tücken einer 150-jährigen Infrastruktur und den Aufbau zukünftiger Standortvorteile.

Klinik und Hauptsitz der Psychiatrie St.Gallen Nord liegen mitten in Wil. Wie wichtig ist diese Nähe?

Susanne Hartmann: Im Lauf der Jahrzehnte sind Psychiatrie und Stadt immer mehr zusammengewachsen, nicht nur örtlich, auch gesellschaftlich. Anlässe wie der Adventsmarkt sind aus der Stadt nicht mehr wegzudenken und leisten einen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen. Für diese Entstigmatisierung ist es wichtig, dass es Berührungspunkte zwischen Einwohnern, Patientinnen und Patienten gibt. Beide Seiten haben ein Interesse daran: Die Wiler Bevölkerung will erfahren, was die Psychiatrie St.Gallen Nord leistet, die Patienten wiederum möchten Teil der Gesellschaft sein. Von der Nähe profitieren also alle.

Niklaus Baumgartner: Wir als Psychiatrie St.Gallen Nord wollen ein Teil von Wil sein. Das gelingt nur, indem wir transparent und offen sind. Die Menschen aus der Region sollen sehen und verstehen, was wir machen. Früher gab es eine Mauer um das Gelände. Der Abriss war ein klares Zeichen und hat verdeutlicht, dass auch Menschen mit einer psychischen Erkrankung zur Gesellschaft gehören. Jetzt ist es unser Ziel, auch die mentalen Mauern abzureissen. Das passiert nicht nur am Adventsmarkt. Jedes Jahr veranstalten wir ungefähr 100 Fachanlässe und beantworten rund 40 Medienanfragen. Wir wollen uns nicht verstecken. Wir sind stolz darauf, dass wir einen wichtigen Beitrag für Stadt und Region leisten.

Trotzdem gibt es Ängste und Vorurteile gegenüber Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Wie begegnen Sie diesen Gefühlen?

Susanne Hartmann: Bei mir geschieht das hauptsächlich in Gesprächen. Da geht es nicht nur um die Psychiatrie als Institution, sondern um persönliche Berührungspunkte mit den Krankheiten. Ich kenne Menschen persönlich, die an schweren Depressionen litten. Durch diese Erfahrung entsteht ein neues Verständnis für die Arbeit, die in der Klinik geleistet wird. Es ist aber eindeutig ein Wandel in Psychiatrie und Gesellschaft spürbar. Es wird offener über psychische Erkrankungen gesprochen. Letztlich ist niemand davor gefeit, irgendwann einmal betroffen zu sein. Dieses Bewusstsein trägt zur Entstigmatisierung bei und fördert auch den Respekt vor den psychiatrischen Institutionen.

Niklaus Baumgartner: Wichtig ist auch der regelmässige Austausch zwischen Stadt und Psychiatrie. Als Partner müssen wir uns gegenseitig auf dem Laufenden halten, es muss jederzeit transparent sein, welche Themen uns beschäftigen. Wir wollen offen sein und die Leute auf unserem Areal willkommen heissen. Dazu gehört auch unser Minigolfplatz, der im Sommer rege genutzt wird. Letztes Jahr haben wir erstmals eine Kunstmesse durchgeführt, die sehr grossen Anklang gefunden hat. Patienten haben ihre Kunstwerke ausgestellt und zum Verkauf angeboten. Diese Messe wollen wir jetzt alle zwei Jahre durchführen. Durch solche Begegnungen bauen wir Vorurteile ab und schaffen gegenseitiges Verständnis.

Was verbindet die Stadt Wil und die Psychiatrie St.Gallen Nord auf institutioneller Ebene?

Susanne Hartmann: Die Psychiatrie St.Gallen Nord ist eine der grössten Arbeitgeberinnen in der Region. Ein positiver Effekt ist auch das Auftragsvolumen für das lokale Gewerbe. Die vielen öffentlichen Veranstaltungen wie das monatliche «Referat am Montag», das Einblicke in Fachthemen gibt, sind wichtige Punkte in unserer Agenda. Für die Stadt ist das Areal der Klinik ein Naherholungsgebiet, in dem noch viele Chancen stecken. Es wäre zum Beispiel schön, wenn mehr Wilerinnen und Wiler das Restaurant der Psychiatrie St.Gallen Nord nutzen würden. (Anm. d. Red.: Coronavirus - Zum Schutz der Patientinnen und Patienten ist das Restaurant momentan nicht für externe Besucher geöffnet. Bitte informieren Sie sich über unsere Website.) Bei der Cafeteria des Alterszentrums Sonnenhof hat es ein bisschen Zeit gebraucht, aber inzwischen ist sie ein Treffpunkt verschiedener Generationen.

Niklaus Baumgartner: Die gesamte Entwicklung des Areals wird uns in naher Zukunft beschäftigen. Wir haben vor drei Jahren eine Strategie erarbeitet, die vom Verwaltungsrat genehmigt wurde und zur Beurteilung bei der Regierung liegt. Wir betreiben eine moderne Psychiatrie in einer 150 Jahre alten Infrastruktur. Es gibt kaum ein Unternehmen, das unter solchen Bedingungen reibungslos funktioniert. Die Gebäude sind dank laufendem Unterhalt in gutem Zustand, trotzdem stossen wir an Grenzen, was Abläufe und Prozesse angeht. Um den hohen Ansprüchen weiterhin gerecht zu werden, müssen wir überlegen, wie wir unser Angebot durch bauliche Modernisierungen optimieren können. Der Kostendruck im Gesundheitswesen ist hoch, aber wir sind zuversichtlich, dass wir Hand in Hand mit allen Anspruchsgruppen vorankommen werden.

Teil der Entwicklung ist der geplante Neubau des Kompetenzzentrums Forensik. Wie steht die Bevölkerung dazu?

Susanne Hartmann: Ich war positiv überrascht, dass die Ankündigung nicht mehr Reaktionen ausgelöst hat. Wir waren als Stadtrat darauf vorbereitet, einen viel intensiveren Dialog zu führen. Dass eine Kontroverse ausblieb, zeigt mir auch, wie akzeptiert die Institution in der Bevölkerung ist. Wäre die Psychiatrie St.Gallen Nord umstritten, hätten wir andere Rückmeldungen erhalten.

Niklaus Baumgartner: Zunächst einmal sehe ich es als grosse Wertschätzung der Regierung, dass sie die Psychiatrie St.Gallen Nord mit dem Aufbau des neuen Kantonalen Kompetenzzentrums Forensik beauftragt. Es ist ein schönes Zeichen, dass sie uns die komplexe Aufgabe anvertraut, diese Patientengruppe medizinisch optimal zu behandeln und gleichzeitig die maximale Sicherheit zu gewährleisten. Auch mich hat es gefreut, wie ruhig und sachlich die Debatte war. Es scheint unumstritten zu sein, dass das Thema Forensik ein professionelles Umfeld benötigt.

Susanne Hartmann: Damit es weiter sachlich bleibt, ist es wichtig, dass wir einen offenen Dialog mit den Menschen führen. Wir müssen den Anwohnern frühzeitig und transparent aufzeigen, dass sich aus dem neuen Kompetenzzentrum Forensik keine Risiken ergeben. Für die Stadt Wil ist dieses Pionierprojekt sogar eine Chance, weil neue Arbeitsplätze entstehen und die Attraktivität unseres Standorts zunimmt.

Neben Wil und St.Gallen verfügt die Psychiatrie St.Gallen Nord über Standorte in Rorschach und Wattwil. Welche Herausforderungen bringt diese Dezentralisierung mit sich?

Niklaus Baumgartner: Um die psychiatrische Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, benötigen wir ein flächendeckendes Angebot. Wir haben den kantonalen Auftrag, für 90 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons St.Gallen innerhalb von 30 Minuten erreichbar zu sein. Die Herausforderung für uns als Unternehmen ist die Abstimmung der Angebote an den Standorten, um eine lückenlose Versorgung anzubieten. Die Übergänge von ambulanter zu teilstationärer und stationärer Behandlung sollen möglichst reibungslos gestaltet sein. In der Kommunikation muss man immer im Austausch bleiben, Strategie und Richtung erklären. So können wir die wohnortsnahe Versorgung sicherstellen, was für die Bevölkerung sehr wichtig ist.

Susanne Hartmann: Mir ist es eine Herzensangelegenheit, dass die Einwohnerinnen und Einwohner im Kanton gut versorgt sind und auf ein umfassendes Angebot zurückgreifen können. Es ist heute nach wie vor für viele Menschen schwierig, offen über psychische Erkrankungen wie Depressionen zu sprechen. Diese Veränderung hin zur Offenheit braucht Zeit. Bis wir diese Hürde endgültig überwunden haben, versuchen wir gemeinsam, die Entstigmatisierung auf allen Ebenen voranzutreiben. 

Frau Hartmann, Herr Baumgartner, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.

 

Susanne Hartmann ist seit 2013 Stadtpräsidentin von Wil. Im Juni übernimmt sie als Regierungsrätin das Baudepartement des Kantons St.Gallen.

Niklaus Baumgartner, CEO der Psychiatrie St.Gallen Nord, ist seit einem Jahr im Amt. Er lebt und arbeitet in Wil.

Unternehmensmagazin_2 «Zeit zum Reden» (pdf)

 

 

Kurzporträt des Partners

Wil ist nach St.Gallen und Rapperswil-Jona die drittgrösste Ortschaft des Kantons. Während mehr als 500 Jahren residierten die St.Galler Fürstäbte in der Stadt, weshalb Wil auch als Äbtestadt bezeichnet wird. Heute ist die Ortschaft das Herz einer Region, in der über 115 000 Menschen wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen.

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