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Wann wird eine Krise zum Trauma?

03.07.2020, Dialog

Von psychischen Problemen nach sexueller Gewalt bis zu Existenzängsten bei einer Scheidung – Krisen haben viele Gesichter. Monse Ortego von der Opferhilfe SG-AR-AI und Violeta Lapadatovic vom Kriseninterventionszentrum der Psychiatrie St.Gallen Nord über den Weg aus dem Tunnel und den gemeinsamen Kampf gegen Traumatisierungen.

Die Krisenintervention gehört zu den Dienstleistungen der Psychiatrie St.Gallen Nord. Was genau steckt dahinter?

Violeta Lapadatovic: Unser Kriseninterventionszentrum in St.Gallen ist eine offen geführte Station mit 24 Betten, die jeden Tag rund um die Uhr erreichbar ist. Wir sind eine Anlaufstelle für Menschen, die unter einer psychischen Krise leiden. Täglich bieten wir sechs Abklärungsgespräche an, es kommt aber vor, dass wir bis zu zehn durchführen. Unsere Stärken sind der niederschwellige Zugang und dass wir immer verfügbar sind. Wenn sich jemand in einer Krise befindet, können wir ihn daher rasch aufnehmen und unterstützen.

Welche Rolle spielt die Opferhilfe in der Krisenintervention?

Monse Ortego: Unsere Klientinnen und Klienten suchen uns aufgrund von erlebter Gewalt auf. Als Beratungsstelle sind wir fünf Tage in der Woche für sie da. Wir arbeiten auch mit der Soforthilfe des Kantonsspitals zusammen, wo sich Opfer von sexueller Gewalt rund um die Uhr melden können. Der Erstkontakt erfolgt meistens telefonisch. Wir stabilisieren die Menschen, geben ihnen wichtige Informationen und leiten bei Bedarf erste Massnahmen ein. Auf Wunsch vereinbaren wir auch einen Beratungstermin in unseren Räumlichkeiten. Erfolgt später eine Intervention in Form einer Psychotherapie, können wir das im Umfang von bis zu zehn Stunden ermöglichen und finanzieren.

Wie läuft der Erstkontakt beim Kriseninterventionszentrum ab?

Violeta Lapadatovic: Für uns ist ein persönlicher und von einer Willkommenskultur geprägter Erstkontakt wichtig. Darauf legen ich und mein Team grossen Wert. Für viele Betroffene ist der Schritt zu professioneller Hilfe mit vielen Unsicherheiten verbunden. Deshalb müssen sie sofort spüren, dass sie nicht alleine sind und die richtige Entscheidung getroffen haben. Dieses Gefühl und das Wissen, dass sich jemand für sie und ihre Probleme interessiert, trägt oftmals bereits zu einer Verbesserung des emotionalen und psychischen Zustands bei. In den persönlichen Gesprächen zeigen wir Betroffenen Optionen auf und verdeutlichen, dass es konkrete Schritte heraus aus der Krise gibt. Diese Erkenntnis ist eine riesige Erleichterung.

Was sind Auslöser für eine Krise?

Monse Ortego: Ein Mensch kann jederzeit und in jedem Alter eine Krise erleben. Die Palette der Auslöser ist vielfältig: Opfer von Überfällen, häusliche oder nichthäusliche Gewalt, Hinterbliebene bei Tötungsdelikten, Drohungen, sexuelle Belästigung, Menschenhandel und noch viel mehr. Es gibt auch Menschen, die als Kind sexuell missbraucht wurden, aber erst Jahrzehnte später merken, dass sie das Erlebte nicht verarbeiten konnten.

Violeta Lapadatovic: Bei einer Krise muss nicht zwingend Gewalt im Spiel sein. Auch ein stabiles Umfeld ist kein Schutz davor. Zu uns kommen Menschen wie du und ich, die bisher psychisch gesund waren und funktioniert haben. Aber plötzlich geschieht etwas, das ihr Leben auf den Kopf stellt: ein Unfall, ein Verlust, eine Krebsdiagnose, eine Kündigung, Mobbing, Stress. All diese Dinge können Krisen auslösen.

Wann schickt die Opferhilfe eine Klientin oder einen Klienten zum Kriseninterventionszentrum?

Monse Ortego: Wenn wir sehen, dass die Person bestimmte Symptome zeigt. Dazu gehören Schlaflosigkeit, depressives Verhalten wie Antriebslosigkeit, Appetitlosigkeit, Verfolgungswahn oder Panikattacken. Das sind erste Anzeichen, dass ein tiefer liegendes psychisches Problem vorliegt. Sobald es um die medizinische Versorgung geht und therapeutische Massnahmen notwendig werden, legen wir den Betroffenen die Krisenintervention der Psychiatrie St.Gallen Nord nahe und helfen bei der Anmeldung. Umgekehrt gibt es auch Personen, die aufgrund einer Krisenintervention zur Opferhilfe kommen.

Was schätzen Sie an der gegenseitigen Partnerschaft?

Monse Ortego: Die Suche nach Lösungen ist immer ein Austausch und ein Miteinander. Wir spannen für jede einzelne Person ein Netz, um sie aufzufangen und mit den richtigen Schritten in den Alltag zurückzuführen. Dafür braucht es Spezialistinnen und Spezialisten auf allen Seiten. Es kann sein, dass uns ein Gewaltopfer aufsucht und wir im persönlichen Gespräch erkennen, dass die Person ihren Alltag aufgrund der psychischen Belastung nicht mehr bewältigen kann. Dann empfehlen wir das Kriseninterventionszentrum.

Violeta Lapadatovic: Wir behandeln die Patienten stationär, bis sich ihr Zustand verbessert und eine Rückkehr in den Alltag möglich ist. Vor dem Austritt entscheiden wir gemeinsam mit den Patienten, ob weiterführende ambulante Behandlungen notwendig sind. Hier empfehlen wir die Opferhilfe gerne als Anlaufstelle. In der Phase der Stabilisierung nach einer stationären Behandlung stehen unsere Partner mit ihrer Expertise bereit. Die Betroffenen müssen sich auch nach der Erstversorgung verstanden und sicher fühlen, um stabil zu bleiben.

Wo ergänzen sich die beiden Angebote?

Monse Ortego: Wir sind eine Beratungsstelle und eine erste Anlaufstelle für Gewaltopfer. Die Diagnose, die Abklärungen, die medizinische Versorgung – dafür ist die Psychiatrie St.Gallen Nord zuständig. Wir haben andere Stärken wie Hilfestellungen bei juristischen Fragen oder allfälligen Strafverfolgungen. Wir arbeiten beispielsweise in Fällen von häuslicher Gewalt mit der Polizei zusammen, wenn eine akute Gefahr für das Opfer besteht. Da leisten wir einen Mehrwert und sind eine gute Ergänzung zum Kriseninterventionszentrum.

Violeta Lapadatovic: Der Fokus der Krisenintervention liegt auf dem therapeutischen Ziel: Wir wollen beruhigen und stabilisieren, die richtigen Therapiemethoden finden und die Krise bewältigen. Doch die Arbeit hört damit nicht auf – im Gegenteil. Die Nachversorgung ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Ein Patient kann eine spezifische Unterstützung benötigen, die wir nicht anbieten. Dann verweisen wir an Partner wie die Opferhilfe, deren Leistungen über die therapeutische Versorgung hinausgehen. Letztlich ist es dieses Zusammenspiel, das den Betroffenen die besten Chancen auf eine Rückkehr in den Alltag bietet.

Was macht die Behandlung von traumatisierten Personen so schwierig?

Violeta Lapadatovic: Die grosse Herausforderung ist die Komplexität des Erlebten. Ein Trauma ist nie einfach nur ein Trauma. Es gibt immer begleitende Lebensumstände, Vorerfahrungen, Ressourcen. Um ein Trauma erfolgreich zu behandeln, braucht es engmaschige Therapien und Unterstützung auf mehreren Ebenen – und das über einen längeren Zeitraum. Bei der Versorgung von traumatisierten Menschen lohnt sich für alle Beteiligten das Einbringen von Partnern wie der Opferhilfe.

Monse Ortego: Die Traumatisierung ist deshalb auch ein Themenfeld, bei dem wir in Zukunft die Partnerschaft zwischen Opferhilfe und Krisenintervention vertiefen werden.

Haben sich die Krisen und die Patienten über die Jahre verändert?

Violeta Lapadatovic: Ich leite die Krisenintervention in St.Gallen seit 2015. Wir haben uns über die Jahre hinweg personell verstärkt und sind trotzdem fast immer ausgebucht. Es ist aber falsch, daraus abzuleiten, dass die Menschen heute mehr psychische Probleme haben und anfälliger für Erkrankungen sind. Vielmehr ist es ein Zeichen, welche Fortschritte wir in der Entstigmatisierung gemacht haben. Die Hemmschwelle sinkt, die Menschen suchen aktiv professionelle Hilfe und sprechen über ihre Probleme.

Monse Ortego: Nicht nur in der Schweiz ist der Umgang mit psychischen Erkrankungen eine Kulturfrage, die sich nur langsam verändert. Wir befinden uns als Gesellschaft mitten in einem Umdenkprozess. Psychische und körperliche Gesundheit nähern sich an und werden gleichgestellt. Auch bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt findet diese Veränderung statt. Zu uns kommen mehr Leute, weil Gewalt vermehrt als solche wahrgenommen und nicht mehr verharmlost wird. Menschen sind heute eher bereit, sich Unterstützung zu holen.

 

Frau Ortego, Frau Lapadatovic, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.

 

Monse Ortego ist Fachmitarbeiterin der Opferhilfe SG-AR-AI.

Violeta Lapadatovic ist Leiterin Stationäre Erwachsenenpsychiatrie St.Gallen/Krisenintervention der Psychiatrie St.Gallen Nord.

Unternehmensmagazin_2 «Zeit zum Reden» (pdf)

«Im Teufelskreis des Virus»: Interview mit Violeta Lapadatovic im Magazin Saiten

 

Kurzporträt des Partners

An die Opferhilfe SG-AR-AI können sich gewaltbetroffene Frauen und Männer sowie Angehörige und Bezugspersonen wenden, unabhängig davon, ob eine Strafanzeige vorliegt oder nicht. Die Beratungsstelle unterstützt Betroffene in der psychischen Bewältigung von Gewalterfahrungen sowie bei rechtlichen und finanziellen Fragestellungen. Das Angebot ist kostenlos, die Beratungspersonen unterstehen der Schweigepflicht.

Webseite der Opferhilfe SG-AR-AI