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Sporttherapie in der Psychiatrie St.Gallen Nord – Sport und Bewegung als Teil des psychiatrischen Behandlungspakets

01.12.2021, Dialog

v.l.: Daniel Kessler, Ulrich M. Hemmeter, Alexander Schrenker. Auf dem Bild fehlt: Theofanis Ngamsri - Foto ganz unten

Sport und körperliche Aktivität haben positive Effekte auf psychische Funktionen und viele psychische Krankheiten wie Depression, Angststörungen, Schizophrenie und auch Abhängigkeitserkrankungen. Sie beeinflussen zudem den Verlauf von Demenzen und unterstützen den Erhalt der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit. Die Psychiatrie St.Gallen Nord geht neue Wege, indem sie die Abteilung Sporttherapie etabliert, die körperliches Training und sportliche Aktivität zu einem fixen Therapiebestandteil der psychiatrischen Behandlung macht.

Interview mit PD Dr. Dr. Ulrich M. Hemmeter, Chefarzt und Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie; Dr. Theofanis Ngamsri, Oberarzt; Alexander Schrenker, Sporttherapeut und Daniel Kessler, Leiter Physiotherapie

Die Sporttherapie ist heute ein wichtiger Bestandteil der psychiatrischen Behandlung in der PSGN. Dieses Behandlungsangebot wurde in den letzten zwei Jahren aufgebaut. Aus welchen Überlegungen?

U. Hemmeter: Psychische Erkrankungen haben ein hohes Risiko für somatische Co-Morbiditäten wie Herz-Kreislauf- und metabolische Erkrankungen (z.B. Diabetes). Zudem gehen viele psychische Erkrankungen, wie beispielsweise schwere Depressionen, mit verminderter körperlicher Aktivität einher. Bewegung und Sport wirken dem entgegen und können die somatischen Risiken bei psychischen Erkrankungen reduzieren. Zudem wirken sich körperliche Aktivität und Sport positiv auf das Wohlbefinden im Alltag aus.
In der PSGN ist die Physiotherapie seit Langem ein ergänzender Bestandteil des gesamten psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungsangebots, zunächst mit dem Fokus auf die Aufrechterhaltung der Funktionalität von Gelenken und Muskulatur. Im weiteren Verlauf rückte zunehmend die Aktivierung durch Bewegung in den Vordergrund. Auch von den Stationen ausgehend wurde versucht, die Patienten durch angeleitete Aktivitäten wie Spaziergänge, Nordic Walking, Outdoor-Spiele körperlich zu aktivieren. Diese Aktivitäten gingen meist von den Pflegeleitungen der Stationen aus, waren mit unterschiedlicher Intensität verbunden und nach verschiedenen Konzepten aufgebaut. Zudem war das Angebot der Stationen sehr von den dort verfügbaren Ressourcen abhängig. Daher wollten wir die bereits bestehenden, recht unterschiedlichen Angebote der Stationen und der Physiotherapie vereinheitlichen.

Wie gestaltet sich demnach die Sporttherapie der PSGN?

U. Hemmeter: Wir haben die bestehenden Angebote der Physiotherapie und der Pflege adaptiert und zu einem stationen-übergreifenden Konzept ausgebaut, so dass die Angebote allen Patientinnen zugutekommen. Zusätzlich konnten wir den Sportpädagogen Alexander Schrenker gewinnen. Er versucht mit sportlich-spielerischen Elementen von Fussball, Tischtennis, Laufen in der Gruppe bis hin zu Vita Parcours die Patienten zu aktivieren. Letztendlich haben wir alles in der neuen Abteilung «Physio- und Sporttherapie» zusammengeführt. Wir achten darauf, möglichst viele zentrale Angebote mit unterschiedlichem Intensitätsniveau anzubieten, welche die Patientinnen von verschiedenen Stationen besuchen können. Es gibt aber auch spezielle Gruppenangebote für Stationen mit geschützten Bereichen und in limitierter Zahl Einzelangebote für schwer kranke Patienten, zu denen man in einer Gruppe keinen Zugang findet.

Handelt es sich hier um ein neues Angebot ganz generell in der Psychiatrie?

U. Hemmeter: Das Angebot der Sporttherapie ist nicht neu. Wir haben es jedoch in der PSGN ausgebaut, strukturiert und in einem einheitlichen Konzept formuliert. Aktuelle Empfehlungen der Wissenschaft sind beim Konzept der Sporttherapie für psychische Erkrankungen berücksichtigt worden. Wir achten zudem ständig auf die Entwicklungen der Sportpsychiatrischen Forschung und integrieren die aktuellen Empfehlungen fortlaufend in die klinische Praxis.

Warum wird diese Therapie immer wichtiger? Wieso gerade jetzt?

T. Ngamsri: Vor wenigen Jahren wurde die Schweizer Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie (SGSPP) gegründet. Eines der Hauptziele ist es, Sport und Bewegung in der Behandlung und Prävention psychischer Erkrankungen zu fördern. Ulrich Hemmeter ist eines der Gründungsmitglieder dieser Gesellschaft. Unter anderem wegen der engagierten Arbeit der SGSPP in der Schweiz und wegen anderen sportpsychiatrischer Aktivitäten wächst das Bewusstsein für die Sporttherapie und ihre Bedeutung in der psychiatrischen Versorgung.
Die Sporttherapie ist eine Zusatztherapie im gesamten Behandlungspaket der Psychiatrie, die einfach durchzuführen ist sowie nebenwirkungsarm und zum Teil sehr effektiv ist. Dies zeigen bereits zahlreiche Studien zu unterschiedlichen psychischen Erkrankungen. Auch im klinischen Alltag wird dies regelmässig beobachtet. Durch den Einsatz unseres Sporttherapeuten Alexander Schrenker und des Physiotherapeuten-Teams werden die Bewegung und der Sport bei den Patienten gefördert. Dies führt zu einer Zustandsverbesserung und teilweise sogar zu einem geringeren Einsatz von Medikamenten.
Wir wollen in unserer Klinik diese wichtige Behandlungsmöglichkeit weiter fördern und in der Behandlung der Patientinnen als fixen Therapiebestandteil umsetzen.

Die PSGN betreibt im Bereich der Sporttherapie Forschung in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich – worauf liegt der Fokus?

T. Ngamsri: Es sind bereits mehrere Publikationen in nationalen und internationalen Fachzeitschriften zum Thema der Sportpsychiatrie und Sporttherapie bei psychischen Erkrankungen veröffentlicht worden. Weitere sind in Planung. Ebenso ist mit einem Team der PSGN in Kooperation mit der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich eine Studie zur Wirksamkeit von Bewegung bei Patienten mit demenziellen Erkrankungen geplant. Es ist ein dynamisches und spannendes Feld mit viel Potenzial. In diesem können auch die PSGN und ihre Mitarbeitenden einen Beitrag leisten.

Können bei der PSGN alle Patientinnen und Patienten von der Sporttherapie profitieren?

D. Kessler: Ja, grundsätzlich stehen die Gruppenangebote der Sporttherapie den Patientinnen von allen Stationen offen. Die Einzeltherapien sind vorwiegend den geschlossenen Stationen vorbehalten.
Bezüglich Diagnosen ist es so, dass eigentlich sämtliche Krankheitsbilder von der anregenden oder ausgleichenden Wirkung der Bewegung profitieren können. Bei einer Depression hat die Bewegung einen besonderen Wert als Baustein in der Behandlung, da hier meistens der Antrieb stark reduziert ist. Aber auch beispielsweise bei Angststörungen und Psychosen ist die positive Wirkung der Sporttherapie belegt. Bewegung gehört zu den Grundbedürfnissen von Körper und Seele, wie essen und trinken. Man sollte die Angebote meines Erachtens aber auch nicht nur auf die Bewegung reduzieren: Es ist ebenso eine Möglichkeit, sich in einer Gruppe zu erleben, Neues auszuprobieren oder sich mit seinen Leistungsglaubenssätzen auseinanderzusetzen.

Ist es schwierig, die Patientinnen und Patienten für die Sporttherapie zu motivieren bzw. ist diese beliebt?

A. Schrenker: Auf der einen Seite gibt es Patienten, für die Sport schon eine wichtige Rolle in ihrem Alltag spielt. Hier braucht es dann häufig wenig bis keine zusätzliche Motivation. Auf der anderen Seite gibt es auch die Patientengruppe, die Sport und Bewegung gegenüber generell eher skeptisch eingestellt ist. Hier braucht es Zuspruch von Seiten der Pflege als auch von den Sport- und Physiotherapeuten. Zudem ist es wichtig, die Patientinnen anfangs nicht zu überfordern und langsam heranzuführen. Häufig legen sich dann die Ablehnung und Skepsis und gehen in den meisten Fällen in Freude und Spass an Sport und Bewegung über. Der grösste Erfolg ist es, wenn die Patienten regelmässige Bewegung fest in ihren Alltag integrieren und sich auch nach einem stationären Aufenthalt weiter sportlich betätigen.

Ein gutes Beispiel ist eine Patientin der Suchttherapie, die während ihres Aufenthalts bei uns den Tischtennis-Treff als Anfängerin besucht und Spass daran gewonnen hat. Jetzt, wieder daheim, ist diese Frau in einem Tischtennis-Verein angemeldet und trainiert zweimal pro Woche. Sie bestätigt, dass ihr der Sport körperlich und seelisch, aber auch in sozialer Hinsicht sehr gut tut.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Sporttherapie bereits gemacht?

A. Schrenker: Generell lassen sich positive Effekte auf organisch-funktioneller Ebene beobachten. Eine allgemeine Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit, des Wohlbefindens sowie eine Gewichtsstabilisierung/Gewichtsreduktion lassen sich hier beispielsweise aufführen. Zudem lassen sich Einflüsse auf die soziale und emotionale Ebene feststellen. Das Selbstvertrauen wird durch den Sport gestärkt, Werte werden in den Sportgruppen vermittelt und gelebt, die adäquate Interaktion in einer Gruppe sowie das Übernehmen von Verantwortung werden gefördert. Des Weiteren hilft die regelmässige Teilnahme an unserem Angebot den Patientinnen, eine feste Tagesstruktur aufzubauen. Auch zu erwähnen sind eine verbesserte Körperwahrnehmung als auch das Erlernen, Erleben und Wahrnehmen neuer Bewegungsmuster und Abläufe auf sensomotorischer und kognitiver Ebene.

Können auch externe Patientinnen und Patienten zur Sporttherapie – also ambulant – angemeldet werden?

D. Kessler: Bis anhin ist das Sporttherapieangebot intern vollkommen ausgelastet. Deshalb können wir keine externen Teilnehmer aufnehmen. Einzige Ausnahme ist die Medizinische Trainingstherapie an Geräten. Da nehmen wir, je nach Kapazität, durchaus externe Patientinnen auf, meist aus dem Ambulatorium oder im Tagesklinikstatus. Die Anmeldung geschieht mit einem ambulanten Physiotherapieanmeldeformular. Um den geschützten Rahmen zu bewahren, nehmen wir nur Patienten auf, die auch einmal stationär in der PSGN waren.
Sofern der Bedarf und die Kapazität dafür da ist, wäre es durchaus denkbar, z.B. ein Angebot im tagesklinischen Rahmen aufzubauen.

Herzlichen Dank, Ulrich M. Hemmeter, Theofanis Ngamsri, Daniel Kessler und Alexander Schrenker, für Ihre Ausführungen und das spannende Gespräch.

Physio- und Sporttherapie der Psychiatrie St.Gallen Nord im Überblick

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