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Schlafstörungen: Ein gutes Verhältnis zum Schlaf erarbeiten

23.10.2019, Dialog

Seit April 2019 gibt es das Angebot «Schlafstörungen» in Rorschach. Stefan Telser, Oberarzt, FA Schlafmedizin SGSSC, QN Somnologie DGSM, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Leiter Erwachsenenpsychiatrie am Standort Rorschach erklärt, für welche Menschen sich dieses Angebot eignet und gibt Einblick in die Behandlung.

Schlafbeschwerden sind ein häufiges Phänomen. Auf welche Probleme ist Ihr Behandlungsangebot ausgerichtet?

Die Beschwerden der Patientinnen und Patienten sind überwiegend langes Wachliegen vor dem ersten Einschlafen oder bei nächtlichem Erwachen, Unausgeschlafenheit, Fehlleistungen am Tag und die starke Beschäftigung damit. Über andere Störungen des Schlafs berichten die Patienten oft nicht spontan und nicht im subjektiven Zusammenhang mit Schlaf. Unser schlafmedizinisches Angebot zielt darauf ab, die Beschwerden einer der etwa 100 Diagnosen der Klassifikation der Schlafstörungen zuzuordnen und eine gezielte Therapie anzubieten.

An wen genau richtet sich das Angebot?

An Betroffene und an Behandler unterschiedlicher Fachrichtungen, die mit Schlaflosigkeit, Tagesschläfrigkeit oder Schlaf zu unerwünschten Zeiten, Schlafwandeln und Bewegungsstörungen im Zusammenhang mit Schlaf, Nachtängsten, nächtlichem Essen, Albträumen, Schlaflähmung, nächtlicher Verwirrtheit konfrontiert sind. Unseren Auftrag nehmen wir wahr in der schlafbezogenen Diagnostik und einem spezifischen Therapieangebot, gegebenenfalls der Empfehlung an eine somatische schlafmedizinische Institution zur Laborabklärung, beispielsweise zur Behandlung schlafbezogener Atemstörungen.

Warum sollte ein zuweisender Arzt das Angebot der Psychiatrie St.Gallen Nord wählen? Was ist besonders an diesem Angebot?

Als regionaler ambulanter Versorger richten wir uns nach dem Bedarf und wollen relevante Angebote für Patienten und Patientinnen und unsere Zuweiser machen. Behandlungsbedürftige Schlafstörungen verschiedenster Ursachen betreffen mehr als zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung. Schlaflosigkeit im Besonderen hat den grössten Anteil an den so genannten nichtorganischen Schlafstörungen und diese machen etwas zwei Drittel der Schlafstörungen aus, die in ambulante schlafmedizinische Behandlung kommen. Die Schlafmedizin der psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachdisziplin ist somit für die Mehrzahl Betroffener von Schlafstörungen verantwortlich.

Ein Bedarf besteht nicht nur wegen der Häufigkeit der Schlafstörungen, sondern auch wegen deren Bedeutung für Gesundheit und Therapieerfolg gleichzeitig bestehender somatischer und psychischer Erkrankungen. Insomnien sind eine Behandlungsindikation, unabhängig von Ursache oder Folge einer anderen Erkrankung. Schlafbezogene Erkrankungen sind oft Differentialdiagnosen anderer somatischer oder psychischer Erkrankungen.

Über das Angebot einer schlafmedizinischen Sprechstunde ist der Zugang zur spezifischen Abklärung und zur Behandlung mit psychiatrischen, psychotherapeutischen Methoden für Patienten und Zuweiser erleichtert. Manche Patienten kommen auf diesem Weg schneller oder gerade deshalb zur notwendigen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung.

Wie läuft eine Abklärung/Diagnose konkret ab?

Der Kontakt erfolgt, wie bei anderen Indikationen auch, bevorzugt über die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt mit einer kurzen Information über die schlafbezogene Indikation, bisherigen Behandlungsverlauf und Medikation.

Die Diagnostik erfolgt im Gespräch. Hilfsmittel sind Questionnaires zur Selbst- und Fremdbeurteilung, einfache Screeninggeräte über mehrere Tage zur Feststellung von körperlichen Funktionsänderung mit Bezug auf Schlaf und Wach.

Wo führen Sie die Abklärungen durch?

Das gewohnte Setting psychiatrischer, psychotherapeutischer Gespräche eignet sich perfekt. Man sitzt sich gegenüber. Der Schlaf selbst ist zwar – meistens – nicht zu beobachten. Seine Störungen sind allerdings oft recht präsent in Form ihrer Ursachen und Folgen. Mit den technischen Hilfsmitteln lässt sich der Schlaf auch nur indirekt erfassen. Wir vermessen Körperfunktionen und verstehen die Änderungen als Wach oder Schlaf. So verstanden ist die psychiatrische, psychotherapeutische Diagnostik oft näher an Funktionsstörungen als Rohdaten und Analyse aus Messungen der Physiologie.

Wie werden Schlafprobleme in der Einzel- oder Gruppentherapie behandelt?

Am Anfang steht eine schlafbezogene Diagnose. Für die Gruppenbehandlung der Insomnie stellen wir keine eigene schlafmedizinische Diagnostik voran. Wir übernehmen die Zuweisungsdiagnose, um den Eintritt in die Therapie für die Patienten möglichst flach zu halten und um Wartezeiten zu verkürzen. Sollte sich im Rahmen der Gruppentherapie ein Bedarf für die Schlafsprechstunde zeigen, ist dies selbstverständlich möglich.

Im Einzelsetting der Schlafsprechstunde ist die Fragestellung der Zuweisung oft sehr dezidiert. Unsere schlafbezogene Diagnose ist entsprechend ausgearbeitet.

Therapien richten sich nach der Diagnose. Allgemeingültige Behandlungen gibt es nicht. Für die Insomniebehandlung in der Gruppe gibt es sehr gut erprobte, verhaltenstherapeutische Therapiestrategien. In der Einzeltherapie sind die Massnahmen sehr individuell. Zur Anwendung kommen: Psychotherapie, medikamentöse Behandlung, gezielter Einsatz von Licht und anderen Zeitgebern, Planung von Wach-, Schlaf- und Ruhezeiten, Erlernen von Entspannungsmethoden.

Wie lange dauert es ungefähr, bis bei den Patienten eine Verbesserung ihrer Beschwerden eintritt?

Untersuchungen der Gruppentherapie für Insomnie über sechs Termine in drei Monaten ergaben nach Selbstbewertung einzelner Nächte eine Verlängerung der Gesamtschlafzeit und Verkürzung der Einschlafzeit. Das bedeutsamere Ergebnis war, dass sich die Zufriedenheit mit dem eigenen Schlaf deutlich verbessert hat. Allgemein kann gesagt werden, dass Patientinnen und Patienten dankbar sind, wenn sie durch das Therapieangebot wieder mehr Kontrolle über ihre Schlafstörung gewinnen. Es stellt sich oft recht schnell eine Entspannung und Besserung ein.

Was raten Sie für den Fall, dass Patienten Berührungsängste gegenüber der Psychiatrie äussern?

Nach meiner Erfahrung lässt sich über eine Schlafstörung leicht sprechen. Jeder Mensch schläft und Schlaf ist überwiegend positiv besetzt. Schlafstörungen sind weder peinlich, noch schmälern sie Selbstwert und Ansehen. Kontrolle wieder zu gewinnen ist oft ein zentrales Anliegen schlafgestörter Patientinnen und Patienten. Das ist eine recht selbstbewusste Forderung. Diese verstehen wir gerne als Behandlungsauftrag.

Stefan Telser persönlich

Schlafen Sie gut?

Ja, ich schlafe gut. Mein Interesse muss wohl aus anderen Quellen als der eigenen Betroffenheit gespeist werden.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Was den Schlaf betrifft, beruht das gegenseitige Verhältnis auf Respekt. Er lässt gelegentliche Einblicke und interessante Erkenntnisse zu und ich lasse ihm die Autonomie.

Wie sieht's mit Hobbies/Interessen aus? Haben Sie Familie?

Wenn unser Familienhund im REM Schlaf quietscht und Muskeltwitches präsentiert, dann verschmelzen Hobbies, Interessen, Familie zu meiner grossen Freude.

Herzlichen Dank, Stefan Telser, für Ihre Ausführungen und das spannende Gespräch.

Gruppentherapie Insomnie: Zusatz-Interview mit Corinne Scherrer, Praktikantin Psychotherapie und Somnologie am Ambulatorium Rorschach

Frau Scherrer, Sie sind im Rahmen des kantonalen Angebots «Schlafstörungen» zur Psychiatrie St.Gallen Nord in Rorschach gekommen, um eine Gruppentherapie für Menschen mit Insomnie aufzubauen und zu leiten. Ist diese Therapieform besonders wirkungsvoll bei Menschen mit Schlafstörungen?

Schlafbeschwerden sind ein häufiges Phänomen, die bei vielen Betroffenen oft lange unbehandelt bleiben. Unser Gruppenangebot hat einen niederschwelligen Zugang und soll damit Türen öffnen, um diesen Patientinnen und Patienten eine rasche und wirkungsvolle Behandlung bieten zu können. Durch das Gruppensetting sind die Wartezeiten verkürzt. Die Patienten stellen fest, dass sie ihre Beschwerden teilen können und aus der Ohnmachts- und Hilflosigkeits-Spirale, die sich bereits bei vielen über längere Zeit eingestellt hat, herausfinden können. Die therapeutischen Methoden eignen sich gut für die Vermittlung in der Gruppe.

An wen genau richtet sich das Angebot?

Unser Angebot richtet sich in erster Linie an Menschen, die an Insomnie, also psychisch bedingter, chronischer Schlafstörung, leiden. Diese zeigt sich oft mit

  • Ein- und Durchschlafstörungen
  • Frühmorgendlichem Aufwachen
  • Erschöpfung
  • Tagesschläfrigkeit
  • Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsproblemen
  • Leistungsdefiziten
  • Fehlleistungen in Beruf und Freizeit
  • Sorgen und Gefühle der Ohnmacht aufgrund der Schlafstörung und Versagen der eigenen Bemühungen
Warum sollte ein zuweisender Arzt, eine zuweisende Ärztin das Angebot der Psychiatrie St.Gallen Nord wählen? Was ist besonders an diesem Angebot?

Mit unserem Angebot ergänzen wir die hausärztliche Therapie. Angenommen es kommt ein Patient zur Hausärztin mit der Diagnose Diabetes Typ II und dieser hat gleichzeitig eine Insomnie. Es ist gut belegt, dass ein Schlafdefizit Insulinempfindlichkeit vermindert und zu Gewichtszunahme führt. Therapeutisch macht es Sinn, dass parallel zur Diabetesbehandlung eine Insomniebehandlung stattfindet.

Insomnie mit und ohne somatische oder psychische begleitende Diagnosen ist eine Behandlungsindikation. Ob Insomnie Folge oder Ursache einer anderen Erkrankung ist, ist nicht relevant für die Behandlungsnotwendigkeit.

Hier sehen wir Bedarf und stellen einen relevanten Therapiebaustein für die ambulante Versorgung, wohnortsnah, in Zusammenarbeit mit unseren Zuweisern zur Verfügung. Die Zuweisung durch die Behandler ist unbürokratisch und die Aufnahme der Patienten in das Gruppenprogramm erfolgt zügig.

Gruppentherapie Insomnie

Ort

Die Gruppentherapie Insomnie findet im Ambulatorium in Rorschach statt.

Zeit

Sie ist gegliedert in sechs Einheiten à 90 Minuten im zweiwöchentlichen Rhythmus, aktuell jeweils am Mittwochnachmittag.

Einstieg

Ein Einstieg ist jederzeit möglich. Wer z.B. während eines laufenden Programms einsteigt, kann die ersten Einheiten im nächsten Durchgang besuchen. So ist sichergestellt, dass der Patient oder die Patientin alle Module durchlaufen kann.

Methode

In der Gruppentherapie orientieren wir uns an der Behandlungsmethode der Kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I). Sie gilt als Behandlungsmethode der ersten Wahl. Unser Programm ergänzen wir mit Elementen der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), bei der es darum geht, durch Akzeptanz- und Achtsamkeits-Übungen eine Verbesserung der Lebensqualität zu erzielen. Integrierte Entspannungsübungen runden unser Angebot ab. Im Detail enthält unser Programm folgende Elemente:

  • Wir klären auf über Schlaf-Mythen (z.B. dass Schlafunterbrechungen nicht per se von schlechtem Schlaf zeugen, sondern diese auch zum gesunden Schlaf gehören).
  • Wir vermitteln Schlafhygiene: Patienten lernen, wie sie sich selber schlaffördernde Verhaltensweisen aneignen oder wie sie schlafbehindernde Verhaltensweisen vermeiden können.
  • Wir vermitteln Wissen über gesunden und gestörten Schlaf (z.B. dass der Einschlafzeitpunkt nicht kontrolliert und bestimmt werden kann, der Wecker jedoch das Aufstehen definiert).
  • Wir leiten körperliche Entspannungsverfahren an, um das bei Insomnie-Patienten oft hohe Anspannungs-/Erregungsniveau (das sogenannte Hyperarousal) zu reduzieren. Die bevorzugte Methode ist die «Progressive Muskelentspannung nach Jacobson».
  • Wir leiten psychotherapeutische Methoden an, um nicht hilfreiche Gedanken zu erkennen und im besten Falle verändern, stoppen zu können.
  • Wir arbeiten mit gedanklichen Entspannungsverfahren wie z.B. Ruhszenarien.
  • Die Patienten füllen Schlaf-/Tagesprotokolle aus, die wir zusammen besprechen, auswerten und diskutieren.
  • Die Patienten erarbeiten sich unter Anleitung individuelle Schlaf- und Ruhezeitenpläne.
  • Wir ermitteln den sogenannten Chronotypen (Früh-, Spätaufsteher oder dazwischen).
  • Wir ermöglichen die Reflexion und das Nachdenken über den eigenen Schlaf.
  • Wir fördern den Austausch und die Diskussion in der Gruppe.
  • Wir thematisieren den «Teufelskreis der Insomnie», um aufzuzeigen, dass Kontrollbemühungen um den Schlaf, die Schlaflosigkeit verstärken und arbeiten mit Akzeptanzübungen, diesen Kreis zu durchbrechen.
  • Wir leiten Akzeptanzübungen an, so dass sich Patienten darin üben, in der Gegenwart das anzunehmen, was nicht verändert werden kann.
  • Die Patienten lernen, die Kontrolle über den Schlaf loszulassen, um wieder zur autonomen Regulation des Schlafs finden zu können.
  • Patienten lernen Gedanken zu beobachten ohne sie zu bewerten.
  • Patienten lernen, dass die Beachtung eigener Werte/Grenzen wichtig ist. Damit kann ihnen ermöglicht werden, wieder zu mehr Lebensqualität zu kommen trotz der Schlafstörung.
Zuweisung

Die Zuweisung sollte bevorzugt durch den Hausarzt erfolgen mit kurzen Informationen über Indikation, Diagnosen und Medikation.

Kontakt und Anmeldung

Betreff: Anmeldung Insomnie Gruppe
Sekretariat: rorschach@psgn.ch, Telefon +41 (0)71 845 16 55

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