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ADHS des Erwachsenenalters

10.05.2022, Dialog

ADHS wird oft bei Kindern diagnostiziert. Es kann aber auch im Erwachsenenalter auftreten und zu spürbaren Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen führen. Dr. Jörg Bitter vermittelt einen Einblick in das Krankheitsbild «ADHS des Erwachsenenalters»:

Was versteht man unter ADHS?

Die Störung der Aufmerksamkeit und die Hyperaktivität sind zentrale Symptome und beginnen im Kindesalter. Die betroffenen Kinder fallen durch Verhaltensauffälligkeiten in Schule und Freizeit auf. Die damit einhergehenden Schwierigkeiten und Leiden der Betroffenen und deren Familien können beträchtlich sein. Wichtig ist, dass die Auswirkung der Störung verschiedene Lebensbereiche, wie Schule, später Beruf, Freizeit und Gestaltung von Beziehungen betrifft.

Welches sind die Ursachen von ADHS?

Die Ursachen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind nicht restlos geklärt. Einig ist sich die Wissenschaft aber darin, dass es sich um eine angeborene, neurobiologische Funktionsstörung handelt, an der genetische und umweltbedingte Faktoren beteiligt sind. Untersuchungen weisen darauf hin, dass der ADHS eine Hirnreifungsstörung zu Grunde liegt, die zu einer komplexen Beeinträchtigung neurokognitiver Prozesse führt. Dadurch können bestimmte Informationen nur unzureichend verarbeitet werden. Hinzu kommen folgende Umweltfaktoren, die ein ADHS begünstigen:

•    meist sind mehrere Familienmitglieder betroffen (hohe genetische Komponente)
•    Rauchen, Alkohol- oder Drogenkonsum oder Infektionskrankheiten während der Schwangerschaft, Frühgeburt
•    gestörtes Gleichgewicht der Botenstoffe (Neurotransmitter) Dopamin, Noradrenalin und Serotonin
•    funktionelle Auffälligkeiten des Gehirns (vermindertes globales Gehirnvolumen im Vergleich zu gesunden Kontrollkindern; verminderte Frontalhirnfunktion mit verminderter Inhibition, Störung bei der Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses; beeinträchtigte exekutive Funktionen; veränderte motivationale Prozesse und beeinträchtigte Lernprozesse (z.B. Abneigung gegen Belohnungsaufschub, reduzierte Handlungskontroll- und Fehlerverarbeitungsmechanismen)

«Die Hyperaktivität des Kindesalters weicht bei Erwachsenen einem Gefühl der inneren Unruhe und der Unfähigkeit, sich zu entspannen. Begleitet ist dies von einer emotionalen Instabilität mit Schwierigkeiten in der Affektregulation.»
 

Ist ADHS eine «moderne» Krankheit?

Nein, keineswegs. Seit Ende des 19. Jahrhunderts finden sich in der Literatur viele Berichte und Publikationen, die bereits detailliert die Störung beschreiben. So erwähnte der deutsche Arzt Melchior Adam Weikard bereits im Jahr 1775 den Mangel an Aufmerksamkeit bzw. Attentio Volubilis in seinem Buch «Der philosophische Arzt».

Allerdings war ADHS lange Zeit als Störung im Kindesalter angesehen worden, die sich mit dem Erreichen des Erwachsenenalters «auswächst». Zahlreiche Studien und Untersuchungen konnten aber aufzeigen, dass bei 50 bis 80% der Kinder Symptome der ADHS bis ins Erwachsenenalter nachweisbar sind. Seit 1992 kann im ICD-10 die Diagnose «Hyperkinetische Störung» auch im Erwachsenenalter gestellt werden.

Welche Symptome sind typisch für ADHS bei Erwachsenen?

Die Aufmerksamkeitsstörung drückt sich häufig in einem Unvermögen aus, Gesprächen zu folgen. Den Mitmenschen fällt ein «chaotischer» Gesprächsstil auf. Betroffene haben Schwierigkeiten, sich auf Schriftliches zu konzentrieren. Sie vermeiden es beispielsweise, Bücher zu lesen, sie vergessen Termine und verlieren Gegenstände. Dies führt insgesamt zu einem desorganisierten Verhalten mit unzureichender Planung und Organisation von Aktivitäten im Bereich von Arbeit, Schule und Freizeit.

Die Hyperaktivität des Kindesalters weicht bei Erwachsenen einem Gefühl der inneren Unruhe und der Unfähigkeit, sich zu entspannen. Begleitet ist dies von einer emotionalen Instabilität mit Schwierigkeiten in der Affektregulation. Die Betroffenen neigen zu Wutausbrüchen, die oft zu Problemen in der sozialen Interaktion führen.

Kompensatorisch zeigen Menschen, die an einer ADHS leiden, ein impulsives, teilweise unüberlegtes Verhalten. Dies drückt sich zum einen in der Ausübung von risikoreichen Sportarten, aber auch in riskantem Verhalten im Strassenverkehr aus, was zu einer erhöhten Verletzungsanfälligkeit bzw. zu vermehrten Unfällen führt. Das ist übrigens auch statistisch nachweisbar.

Problematisch ist auch eine erhöhte Neigung zu dissozialem Verhalten. Betroffene geraten häufiger mit dem Gesetz in Konflikt. So ist der Anteil von Menschen mit ADHS unter Gefängnisinsassen gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht.

Da über die Hälfte der Erwachsenen mit einer ADHS gleichzeitig an einer weiteren psychiatrischen Erkrankung leiden, ist die Abgrenzung eine grosse Herausforderung.

Sind das dieselben Symptome wie bei Kindern?

Die Symptome unterliegen vom Beginn im Kindesalter über die Adoleszenz bis ins Erwachsenenalter einem Wandel, was mit der fortschreitenden Hirnreifung zusammenhängt. Im Vorschulalter sind die Symptome hauptsächlich als Bewegungsunruhe erkennbar. Im Grundschulalter treten dann Aufmerksamkeitsdefizite, Konzentrationsstörung, rebellisches Verhalten («Klassenclown»), Problem mit anderen Kindern, wechselhafte Schulleistungen auf. In der Adoleszenz zeigt sich eine Abnahme der motorischen Hyperaktivität und drückt sich in einer quälenden, inneren Unruhe aus. Im Erwachsenenalter sind Symptome wie Desorganisiertheit und eine emotionale Instabilität erkennbar.

Wie häufig sind diese Störungen? Und sind eher Männer oder Frauen betroffen?

Die weltweite Prävalenz im Kindes- und Jugendalter liegt bei 5.3%, im Erwachsenenalter liegt sie bei 2.5%. 50 bis 80% der Kinder mit ADHS weisen auch als Erwachsene noch ADHS-Symptome auf. Dabei zeigt ein Drittel sogar noch das Vollbild der Störung.

Im Kindes- und Jugendalter sind dreimal mehr Jungen als Mädchen betroffen, im Erwachsenalter ist die Verteilung ausgeglichen.

«Die Diagnose allein bedeutet noch nicht, dass auch behandelt werden muss. Bei hohem Leidensdruck macht eine Behandlung jedoch Sinn. Dabei legen wir grossen Wert auf eine partizipative Entscheidungsfindung.»
 

Wie wird die Diagnose gestellt?

Für eine seriöse ADHS-Diagnose müssen verschiedene Punkte durch Fachpersonen abgeklärt werden:

  • Diagnostische Kriterien ICD-10 und/oder DSM 5 (Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizit und Impulsivität)
  •    Wie viele Symptome sind in welchem Ausmass und über welche Dauer vorhanden?
  •    Können die Symptome bis in die Kindheit zurückverfolgt werden?
  •    Führen die Symptome zu einer deutlichen Beeinträchtigung in mehreren Lebensbereichen? (Arbeit, Alltag)
  •    Sind die Symptome nicht durch eine andere psychische Störung erklärbar?
  • Verhaltensbeobachtung
  • Fremdanamnese von Lebenspartnerinnen oder -partnern, manchmal helfen alte Schulzeugnisse
  • Testpsychologie
  • Somatische Abklärung
  • Differentialdiagnose

Neben den umfassenden Untersuchungen durch Fachpersonen werden auch verschiedene Selbst- und Fremdbeurteilungsverfahren durchgeführt. Auf jeden Fall sollte zur Diagnosestellung ein strukturiertes Interview angewendet werden.

Welches sind die Schwierigkeiten, die Diagnose zu stellen?

Es handelt sich hier tatsächlich um keine einfache Diagnose, denn ICD-10 fokussiert auf das Kindesalter. Die Schwierigkeiten liegen darin, dass

  • eine Abgrenzung von einer anderen, gleichzeitig vorliegenden psychischen Erkrankung schwierig ist. Am häufigsten handelt es sich bei den sogenannten komorbiden Störungen um affektive Erkrankungen (Depressionen, Angsterkrankungen), Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen.
  • der Nachweis von ADHS in der Kindheit erbracht werden muss,
  • der Wandel der Symptome, von weniger Hyperaktivität zu mehr innere Unruhe nicht immer einfach erkennbar ist,
  • es kein einfaches Testverfahren gibt.

Welches sind die Risiken dieser Krankheit?

Mit dieser Krankheit gehen einige Beeinträchtigungen einher, so etwa in den Bereichen der Funktionsfähigkeit, Lebensqualität und Teilhabe. Häufig kommt es zu Problemen in Schule, Ausbildung und Beruf wie auch zu sozialen Schwierigkeiten in der Familie, im Kontakt mit Gleichaltrigen und mit Beziehungspartnern. Unbehandelte Kinder weisen ein erhöhtes Risiko für andere psychische Erkrankungen auf wie z.B. Sucht.

Erwachsene mit ADHS haben oft einen niedrigeren Ausbildungsstand, ein geringeres Einkommen und einen niedrigeren sozioökonomischen Status. Durch ihr erhöhtes Risikoverhalten sind sie häufiger in Verkehrsunfälle und Gesetzesübertretungen verstrickt.

Und welches sind die Chancen von ADHS?

Viele Eigenschaften dieser Krankheit sind durchaus positiv und können den betroffenen Menschen dienlich sein. Als positive Ressourcen kann ich Neugier, die Fähigkeit, bei Interesse zu «hyperfokussieren», Risikobereitschaft, Energie, Kreativität, Fantasie, rasche Auffassungsgabe und Flexibilität nennen.

Wie wird ADHS bei Erwachsenen bei der Psychiatrie St.Gallen Nord behandelt?

Ziel der Behandlung sind eine Symptomreduktion, die Erhöhung der Lebensqualität sowie eine Verbesserung des Selbstwertgefühls. Dazu gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten, die einzeln oder kombiniert angewandt werden können. Je nach Schweregrad der Symptomatik und den Einschränkungen im Alltag und verschiedenen Lebensbereichen, muss ein individuelles Therapiekonzept erarbeitet werden. Die Diagnose allein bedeutet noch nicht, dass auch behandelt werden muss. Bei hohem Leidensdruck macht eine Behandlung jedoch Sinn. Dabei legen wir grossen Wert auf eine partizipative Entscheidungsfindung.

Bei der Behandlung von ADHS des Erwachsenenalters fokussieren wir auf Psychoedukation, psychosoziale Interventionen/Psychotherapie/Coaching, kognitive Verhaltenstherapie, dialektisch-behavoriale Konzepte, achtsamkeitsbasierte Konzepte und Psychopharmakotherapie.
In der Psychotherapie lernen Betroffene, die Störung zu akzeptieren (als Voraussetzung für Verhaltensänderungen), Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die Emotionen zu regulieren, sich zu organisieren (Zeitmanagement), das Selbstwertgefühl zu stabilisieren, mit der Ablenkbarkeit umzugehen etc. Bei stark ausgeprägten Symptomen und erheblichen Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen, kann eine medikamentöse Behandlung (Pharmakotherapie) hilfreich sein. Dafür stehen verschiedene Präparate zur Verfügung.

«Allein das Wissen und Verstehen der Störung kann schon sehr viel bewirken.»
 

Weshalb ist Psychoedukation so wichtig?

Bei der Psychoedukation geht es primär darum, über die Störung aufzuklären. Allein das Wissen und Verstehen kann schon sehr viel bewirken. Weiter erarbeiten die Betroffenen aber auch ihr individuelles Störungskonzept und sie erlernen konkrete Strategien, um die Problematik zu bewältigen. Die Psychoedukation befähigt also die Betroffenen, sich selber zu helfen.

Wird ADHS in der PSGN auch stationär behandelt?

Natürlich besteht die Möglichkeit, Betroffene mit ADHS stationär zu behandeln. Zu bemerken ist aber, dass der primäre Aufnahmegrund eher die komorbide psychische Störung der Betroffenen ist, d.h. Depressionen, Angsterkrankungen oder eine Suchterkrankung führen zur Aufnahme. Erst im weiteren Verlauf der Behandlung stellt sich heraus, dass zusätzlich eine ADHS besteht, was dann in die weitere Therapieplanung einfliesst.

Wie unterstützt die Psychiatrie St.Gallen Nord zuweisende Ärztinnen und Ärzte?

Sollte eine niedergelassene Kollegin bzw. ein niedergelassener Kollege den Verdacht auf ADHS bei einem Patienten oder einer Patientin haben, können sie sich beispielsweise an mich oder an unser Ambulatorium in Wil wenden, wo wir im Begriff sind, eine Spezialambulanz aufzubauen.

Wie erfolgt die Anmeldung?

Für die ADHS-Abklärung ist eine ärztliche Zuweisung nötig. ADHS behandeln wir an allen unseren vier Standorten. Anmeldungen erfolgen über die Zentrale Anmeldung und Information (ZAI). Sie können auch das Formular «Anmeldung ambulant» auf unserer Website verwenden.

Anmeldung ambulant

Kontakt

Zuweisende Ärzte und Ärztinnen sowie Interessenten dürfen sich gerne direkt an unsere Ambulante Psychiatrie wenden.

Herzlichen Dank, Jörg Bitter für dieses aufschlussreiche Interview und das spannende Gespräch.