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Interview mit Dr. med. Marcus Scholderer

OAmbF, Leiter Standort Rorschach ab 4. Januar 2021

 

Marcus Scholderer wird am 4. Januar 2021 die Arbeit bei der Psychiatrie St.Gallen Nord als Leiter des Standorts Rorschach aufnehmen. Wer ist Herr Scholderer? Was hat er gemacht? Woher kommt er und wohin soll die Reise mit dem Standort Rorschach gehen?

Herr Scholderer, worauf freuen Sie sich besonders?

Ich freue mich auf vieles, vor allem aber, wieder mit Menschen, sowohl Patienten als auch Mitarbeitenden, zusammenarbeiten, mich einbringen und etwas Neues und Sinnvolles (er)schaffen zu können – und das insbesondere nach einem Sabbatical, in dem ich mit Psychiatrie und Therapie nicht viel zu tun und entsprechend Abstand hatte.

Sie wechseln von der Clienia-Gruppe, wo Sie als Leitender Arzt tätig waren, zur Psychiatrie St.Gallen Nord. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?

Zuletzt habe ich in der Clienia-Gruppe als Leiter einer Gruppenpraxis gearbeitet, die sich vom Konzept her wesentlich von einem sozial- und allgemeinpsychiatrischen Ambulatorium und noch viel mehr von einer Tagesklinik unterschieden hat. Dort zu arbeiten war eine wertvolle Erfahrung. Gleichzeitig habe ich jedoch den sozialpsychiatrischen Aspekt sowie die multidisziplinäre Zusammenarbeit – z.B. mit der Pflege, dem Sozialdienst und den nichtmedizinischen/-psychologischen Therapeutinnen und Therapeuten – vermisst. Auch erhoffe ich mir, am Standort Rorschach und mit Thomas Maier als Chefarzt und Vorgesetztem im Rahmen des Gesamtkonzepts der PSGN, einige gestalterische Freiräume und Handlungsoptionen zu erhalten. Diese möchte ich gerne zusammen mit dem Team nutzen, um den Standort zu konsolidieren und weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt mag ich auch die Bodenseeregion sehr gerne und werde sicher die hohe Lebensqualität dank der schönen Natur und des Sees geniessen.

Bestimmt bringen Sie als ausgewiesener Psychiater wie auch als erfahrene Führungsperson «frischen Wind» in den Standort Rorschach. Werden Sie viel verändern? Was haben Sie sich vorgenommen?

Sicher ist es mitentscheidend, eine gute Ausgewogenheit zwischen sinnvoller, ggf. auch notwendiger Veränderung und Erhaltung des Bewährten und Gewachsenen zu erreichen. Zunächst werde ich mir ausreichend Zeit nehmen, die Mitarbeitenden sowie die diversen Abläufe kennenzulernen, bevor gross verändert wird. Sehr wichtig ist mir, die Zusammenarbeit sowie den Zusammenhalt im Team zu fördern, uns auszutauschen, zu definieren und abzusprechen. Dabei ist eine regelmässige Teamsupervision sicher hilfreich. Eine Stärke des Teams, die ich jetzt schon mitbekommen habe, ist sicher seine Vielfältigkeit, Individualität und Multiprofessionalität. Gleichzeitig ist die Zusammenarbeit von grosser Bedeutung für das Funktionieren des Standorts.

Einen weiteren wichtigen Punkt stellt für mich die Förderung und Unterstützung der Mitarbeitenden dar. Sie sollen sich einbringen und im Rahmen des Gesamtkonzepts bestenfalls das tun können, was ihnen an ihrer Arbeit am meisten Freude und Zufriedenheit bereitet. Das kommt allen Beteiligten zugute. Wenn jemand z.B. gerne eine therapeutische Gruppe anbieten oder aufgrund einer Spezialisierung eine besondere Sprechstunde anbieten möchte oder gerne dienstleistungs- bzw. patientenorientiert früh morgens oder länger abends arbeiten möchte, dann sollte das möglich sein, sofern die wesentlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Ich habe noch kein Bild davon, inwieweit das Recovery-Modell eine Rolle spielt, trialogische Konzepte und Ideen einfliessen und die Angehörigenarbeit in Rorschach umgesetzt wird. Diese drei Themenbereiche erachte ich als sehr wichtige Elemente in der psychiatrisch-therapeutischen Arbeit. Wir werden sehen, was davon in Rorschach sinnvollerweise umgesetzt werden könnte.

Neuralgische Punkte in der psychiatrischen Arbeit stellen immer die Themen Suizidprävention und Medikamentensicherheit dar. Hier werden die Prozesse in Rorschach sicher noch einmal genau überprüft und ggf. optimiert.

Wohin soll die Reise mit dem Standort Rorschach bzw. mit dem Ambulatorium und der Tagesklinik der Erwachsenenpsychiatrie in Rorschach gehen?

Derzeit zeichnet sich ein Wechsel des Standorts innerhalb von Rorschach ab, wobei meines Wissens noch nichts abschliessend entschieden ist. Dieser mögliche Umzug wird sicher eine Herausforderung darstellen und sowohl von Patienten als auch Mitarbeitenden eine erhebliche Flexibilität und eine hohe Anpassungsleistung erfordern. Diesen Veränderungsprozess zu moderieren, zu erleichtern und zu unterstützen wird für mich als Standortleiter eine wichtige Aufgabe darstellen. Dieser potenzielle Umzug bietet natürlich auch grosse Chancen und neue Perspektiven, u.a. abhängig vom neuen Gebäude bzw. von den neuen Räumlichkeiten.

In Abhängigkeit von Bedarf und Umsetzbarkeit könnte ich mir vorstellen, den Standort mittel- bis langfristig auch personell auszubauen. Mich selbst hat z.B. beim ersten Kennenlernen des Standorts erstaunt, dass in Ambulatorium und Tagesklinik derzeit lediglich eine Assistenzarztstelle besetzt ist bzw. es nur eine gibt. Das hat sicher etwas mit dem Ärztemangel im Allgemeinen und dem in der Psychiatrie im Besonderen zu tun. In meiner bisherigen beruflichen Tätigkeit habe ich eine Beteiligung an der Ausbildung von Fachärzten immer als fachliche und intellektuelle Bereicherung und in den allermeisten Fällen als Freude empfunden. Ob es unter den gegebenen Umständen möglich sein wird, Assistenzärztinnen und -ärzte zu gewinnen und einzustellen, wird sich zeigen.

Wie erwähnt halte ich die Einbindung des Standorts in die lokale Versorgungslandschaft für sehr relevant, ebenso aber auch die Kontakte innerhalb der eigenen Institution bzw. der PSGN, da wir als «Satellit» zumindest räumlich ja recht weit von Wil entfernt sind und ich die Anbindung sowie die Zugehörigkeit nicht verlieren möchte.

Sie sind auch Konsiliararzt. Werden Sie in Rorschach den Fokus auf eine starke Vernetzung setzen?

Es ist richtig, dass ich bereits in verschiedenen Spitälern, Pflege- und Altersheimen sowie sozialpsychiatrischen Einrichtungen als Konsiliararzt tätig war, verfüge aber nicht über die Schwerpunktbezeichnung Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie. Sollte sich in Rorschach die Möglichkeit einer konsiliarischen Tätigkeit ergeben bzw. anbieten, so würde ich gerne wieder in diesem Feld arbeiten. Ich weiss von verschiedenen, bereits bestehenden Kontakten mit Einrichtungen, die ich, wenn möglich, gerne beibehalten und ggf. ausbauen würde. Das hängt u.a. aber auch von der Bereitschaft im Team ab, das mitzutragen und mitzugestalten.

Eine gute Vernetzung mit den verschiedenen externen, aber auch internen Anspruchsgruppen ist eigentlich unabdingbar und besitzt sicher einen hohen Stellenwert. Bei meiner Tätigkeit im sozialpsychiatrischen Ambulatorium in Sirnach haben wir in Form einer Intervisionsgruppe enge Kontakte mit den umliegenden sozialen Diensten gepflegt, was die Zusammenarbeit und das gegenseitige Verständnis sehr gefördert und erleichtert hat. Ebenfalls wurde der Kontakt zur zuständigen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB gepflegt. Ähnliches könnte ich mir auch in Rorschach und der Region vorstellen.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit zuweisenden Ärzten vor? Womit dürfen die Zuweiser rechnen?

Die zuweisenden Ärztinnen und Ärzte, die in ihrer Mehrheit Hausärztinnen und -ärzte bzw. Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner und zu einem kleineren Teil Kolleginnen und Kollegen anderer Fachgebiete darstellen werden, spielen sicher eine ganz wesentliche Rolle in der Zusammenarbeit und für das Funktionieren des Standorts. Für die Zuweiser ist es nach meiner Erfahrung wichtig, kompetente, bestenfalls persönlich bekannte Ansprechpersonen für Zuweisungen zu haben. Sie schätzen es, bei psychiatrisch-therapeutischen Notfällen auf eine rasche Terminvergabe zählen zu können sowie über Aufnahme und ggf. auch Verlauf der Behandlung zeitnahe und für sie relevante, aussagekräftige Rückmeldungen zu erhalten. Das wurde bereits bisher in den Prozessen von Rorschach berücksichtigt, wird aber sicher reevaluiert sowie optimiert und bestenfalls auch mit Vertretern der Zuweisenden abgesprochen werden.

In Abhängigkeit von der avisierten Standortverlegung wäre zur Pflege der Kontakte und zur Vorstellung der neuen Räumlichkeiten unter Umständen auch ein «Tag der offenen Tür» bzw. eine Einladung der Zuweiser und anderer Anspruchsgruppen vorstellbar. Meine Person sowie den Standort Rorschach in den lokalen/regionalen ärztlichen Gremien und Vereinen vorzustellen, macht sicher Sinn.

Die Tagesklinik Rorschach ist seit Mitte 2020 personell völlig neu aufgestellt. Hat das therapeutische Änderungen zur Folge? Welche Schwerpunkte setzt die Tagesklinik?

Ja, in der Tagesklinik gab es im noch laufenden Jahr wesentliche personelle Wechsel. Inwieweit das relevante therapeutische Veränderungen nach sich gezogen hat, kann ich bis dato kaum ausreichend beurteilen, da ich ja erst im Januar 2021 in Rorschach starte und bisher noch zu wenig Gelegenheit hatte, mir ein Bild zu machen. Nach dem ersten Kennenlernen der Mitarbeitenden der Tagesklinik hatte ich jedoch den Eindruck, dass dort sehr engagiert, kompetent und patientenorientiert gearbeitet wird.

Beeindruckend fand ich das Angebot der Kunsttherapie, das sich eng am Konzept der «Ateliers – Living Museum», wie es auch in der Klinik in Wil angeboten wird, orientiert. Die Kreativität, Originalität und Freude an der Arbeit mit den unterschiedlichsten Materialien sprang mir beim Betrachten der dort geschaffenen Kunstwerke geradezu ins Auge. Die Möglichkeit, auf diese Art und Weise und mit dieser Unterstützung nonverbal und kreativ die eigenen Ressourcen zu nutzen sowie den eigenen Heilungs- bzw. Genesungsprozess zu fördern, halte ich für sehr wertvoll und fast ein Alleinstellungsmerkmal im ambulanten psychiatrischen Bereich.

Tageskliniken stellen meiner Ansicht nach ein sehr wertvolles Versorgungsangebot im teilstationären Bereich dar. Ich bin froh, dass Rorschach über eine bemerkenswerte Tagesklinik verfügt. Denn ich habe beispielsweise im Kanton Zürich erlebt, wie psychiatrische Tageskliniken und andere sozialpsychiatrische Institutionen schliessen mussten und jeweils grosse Versorgungslücken hinterlassen haben.

Und wie sieht es mit den Schwerpunkten des Ambulatoriums aus?

Meines Wissens gab es bisher in Rorschach nur wenige Schwerpunkte. Mir fällt da in erster Linie die Spezialsprechstunde für Schlafstörungen von Stefan Telser ein.

Als allgemein- und sozialpsychiatrisches Ambulatorium mit kantonalem Versorgungsauftrag steht sicher zunächst eine gute «Grundversorgung» über die ganze Bandbreite der psychiatrischen Krankheitsbilder und Leiden im Vordergrund. Die Einrichtung von Schwerpunkten, sagen wir in Form von speziellen Sprechstunden, hängt im Wesentlichen von der Bereitschaft und Kompetenz der Mitarbeitenden sowie der Bedarfssituation ab – natürlich auch von der Standortleitung und dem Gesamtkonzept. Ich persönlich plane zunächst keine Schwerpunktsetzung in Rorschach, kann mir aber gut vorstellen, dass einzelne Mitarbeitende gerne etwas anbieten möchten, was ich sicher unterstützen würde. Vorige Woche war ich z.B. im Gespräch mit einer Psychiaterin, die sich als Oberärztin beworben hat und über grosse Kompetenzen im Bereich der Suchtmedizin verfügt. Wir haben auch das Thema einer möglichen Sprechstunde für Abhängigkeitserkrankungen angesprochen. Sie könnte sich das z.B. vorstellen.

Herzlichen Dank, Marcus Scholderer, für Ihre Ausführungen und das spannende Gespräch.

Dr. med. Marcus Scholderer - Werdegang

Werdegang
1994 Ausbildung zum Rettungsassistenten, danach Studium der Humanmedizin in Freiburg im Breisgau
2003 Erste ärztliche Stelle in psychosomatischer Klinik für Familienrehabilitation im Schwarzwald
2005 Assistenzarzt Innere Medizin, Kreiskrankenhaus Lörrach (D)
2006 Wechsel als Assistenzarzt nach Zürich an die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
2011 Oberarzt Sanatorium Kilchberg (Akut- und Privatstation)
2013 Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
2015 Leitender Arzt Psychiatrie (Standortleiter) Clienia Littenheid AG, Psychiatriezentrum Sirnach, TG
2018 Leitender Arzt Clienia Gruppenpraxis Männedorf ZH
2019/20 Sabbatical

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Dieses Bild zeigt ein Foto von Marion Grunauer
Marion Grunauer
Marketingplanerin FA, Online- und PR-Redakteurin

Stv. Leiterin Kommunikation