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Interview intern

Zwischen «Chi» und «Hara»: Shiatsu-Therapeuten als Raumpfleger im Einsatz

Bereits seit über 30 Jahren wird bei uns in der Psychiatrie St.Gallen Nord Shiatsu praktiziert. Doch wie läuft so eine Behandlung genau ab? Und was hat es mit der Lebensenergie «Chi» auf sich? Diego Gheza und Christian Saier bringen langjährige Erfahrungen als Shiatsu-Therapeuten mit und gewähren mir einen Einblick in diese Form der Komplementärmedizin.

Als ich die Türe im Untergeschoss des Hauses A01 hinter mir schliesse, umhüllt mich warme Luft. Eine flackernde Kerze steht auf dem Tisch, heisser Ingwertee verströmt seinen Duft und eine vertrauensvolle Stimmung breitet sich aus. Vertrauen ist ein essentieller Bestandteil einer Shiatsu-Therapie. Einer Therapie, die sich nicht mehr aus dem Angebot der Komplementärmedizin der PSGN wegdenken lässt.

Lange Tradition der komplementären Verfahren

Diego Gheza ist seit über 30 Jahren bei der Psychiatrie St.Gallen Nord tätig und war der erste, der damals «Alternative Medizin» (heute spricht man von Komplementärmedizin, da es um die Integration ergänzender Heilverfahren zur üblichen Behandlung geht) in Form von Shiatsu praktizierte – zu Beginn hauptsächlich auf den Suchtstationen. Zum Team der Komplementärmedizin, unter der Leitung von Annegret Schlaeppi, gehört auch Christian Saier, der unter anderem als Shiatsu-Therapeut bei der PSGN tätig ist. 2008 erfolgte der erste Entscheid der Geschäftsleitung für ein zentrales komplementärmedizinisches Angebot. Es handelte sich damals um ein personengebundenes Angebot rund um Dr. Röbe und PD Dr. Dr. Hemmeter, das aufgrund des Weggangs von Dr. Röbe im Jahr 2013 nicht weitergeführt wurde. Vor ungefähr fünf Jahren formierte sich eine neue Arbeitsgruppe in diesem Bereich: Seit September 2017 gibt es die Abteilung Komplementärmedizin. Darunter fällt neben der Anthroposophischen Medizin (AM) auch die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), die neben Therapieformen wie Akupunktur oder Qi Gong auch Shiatsu beinhaltet.

Behandlung des ganzen Menschen

Shiatsu stammt aus Japan und bedeutet so viel wie «Fingerdruck» (shi: Finger, atsu: Druck). Mittels Shiatsu werden nicht nur körperliche, sondern auch seelische Symptome behandelt. «Bei uns wird nicht nur der Körper behandelt, sondern eigentlich der ganze Mensch», so Christian. Diese Symptome entstehen durch Blockaden, die der Therapeut oder die Therapeutin als Verhärtung oder Fülle wahrnimmt. Blockaden treten auf, wenn sich die Lebensenergie «Chi» staut und nicht ungehindert durch die Meridiane (Bahnen, die das Chi durch den Körper transportieren) fliessen kann. Ich frage mich, was es mit diesem Chi auf sich hat.

Lebensenergie Chi: Mit dem Leben in Verbindung sein

Für Diego und Christian bedeutet die Lebensenergie Chi, gut im Fluss und mit dem Leben in Verbindung zu sein. Sie erklären mir, dass es aber auch eine Metapher dafür sein kann, die Lebendigkeit zu spüren, den Atem fliessen zu lassen und am Leben teilzunehmen. Hinter dem Chi verbirgt sich ein energetisches Modell, auf das bei einer Behandlung Einfluss genommen wird. Christian führt seine Erklärung weiter aus: «Es geht aber nicht nur darum, die Technik anzuwenden, sondern durch tiefen Kontakt mit den Ressourcen und der Lebendigkeit in Resonanz zu treten.»

Mit den Händen, aber auch mit Ellbogen und Knien wird sanfter, tiefwirkender Druck auf die Energiebahnen des Körpers (Meridiane) ausgeübt. Daneben dienen Dehnungen und Gelenkrotationen dazu, den Energiefluss anzuregen, ausgleichend einzuwirken auf energetische Zustände von Leere und Fülle sowie energetische Blockaden zu lösen. Am Ende der Behandlung gibt es eine kurze Ruhe- und Entspannungsphase. Unser Interview findet am späten Nachmittag statt, der Arbeitstag ist bereits so gut wie geschafft. Die Erklärungen der beiden Shiatsu-Therapeuten machen direkt Lust, mich selber hinzulegen und mich dem Gefühl der Entspannung hinzugeben.

Der Shiatsu-Therapeut oder die Shiatsu-Therapeutin behandelt stets im Fluss aus dem eigenen Zentrum heraus. So sind die Körperteile, mit denen die Patientin oder der Patient behandelt werden, eine Art «Verlängerung des Zentrums». Dieses Zentrum (im japanischen «Hara» genannt) befindet sich in der Bauchgegend: Dort laufen alle Meridiane zusammen. Hara spielt eine wichtige Rolle in der Kampfkunst. Praktizierende der Kampfkunst, aber auch Gottfiguren, weisen deshalb oft einen ausgeprägten Bauchumfang auf, wie Sumo-Ringer oder einige Buddhas.

Mit sich selber in achtsamen Kontakt kommen

Der Patient oder die Patientin wird am bekleideten Körper auf einer Matte auf dem Boden behandelt. Zum gegenseitigen Kennenlernen und Erfahren der Methode dauert eine Probebehandlung zwischen 15 und 45 Minuten – je nach Erfahrungshintergrund des Patienten oder der Patientin gibt es eine unterschiedliche Dosierung. Auch der Behandlungsrhythmus wird an die individuellen Bedürfnisse angepasst: «Es gibt jene, die kommen nur einmal und jene, die über einen längeren Zeitraum regelmässig zum Shiatsu kommen», erzählt Diego. Für die Patientinnen und Patienten muss es sich stets um berechenbare Berührungen handeln – sie müssen nachvollziehbar und sicher sein.

Durch diese Form der Therapie erhält der Patient oder die Patientin eine Einladung, mit sich selber in einen achtsamen Kontakt zu kommen. Shiatsu vermittelt Entspannung, Wohlbefinden und «bei sich ankommen», was die Patienten nach der Behandlung in der Regel (und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben in dieser respektvollen Art) wahrnehmen können. Mit diesem veränderten Selbstgefühl eröffnen sich neue Möglichkeiten und Sichtweisen auf Themen und Herausforderungen im Alltag. «Wir sind keine Klempner, die reparieren, sondern Raumpfleger», sagt Christian lachend, indem er Dr. Wilfried Rappenecker zitiert. Genauso wichtig wie die eigentliche Behandlung ist das Gespräch: «Psychiatrische Patienten brauchen ein sicheres Gefüge, um Vertrauen aufbauen zu können», so Christian.

Rückmeldungen jederzeit erwünscht

Christian und Diego sind davon überzeugt, dass sich Shiatsu in einer Psychiatrie von Shiatsu in einer Privatpraxis unterscheidet: Man geht langsamer und behutsamer vor und nimmt sich mehr Zeit, eine Beziehungsebene aufzubauen. Während der Behandlung gibt es zudem mehr verbalen Kontakt, da die Patientin oder der Patient immer wieder eingeladen wird, Rückmeldungen zu geben. «Das ist mein erster Satz bei einer Behandlung, dass ich zu Rückmeldungen einlade», erzählt Diego. Es geht darum, dass die Patientinnen und Patienten ihre eigenen Grenzen erkennen und mitteilen, wenn sich eine Berührung für sie unstimmig oder schwierig anfühlt. «Wir müssen aber immer wieder dazu einladen», ergänzt Christian.

In der PSGN sind es vor allem Patienten mit chronischen Schmerzen, Patientinnen, die mit Unruhe und Stress zu kämpfen haben oder Personen, die an Depressionen, Angststörungen und Traumata (oft in Kombination mit anderen Erkrankungen) leiden, welche die Shiatsutherapie in Anspruch nehmen.

Eigene Muster und Vorstellungen erkennen

Shiatsu-Therapeut ist in Japan seit 1964 ein staatlich anerkannter Beruf. Ganz im Gegensatz zur Schweiz: Erst seit 2015 können Shiatsu-Therapeutinnen und –Therapeuten eine höhere Fachprüfung in KomplementärTherapie ablegen und ein eidgenössisch anerkanntes Diplom erwerben. Schulisch gibt es grundsätzlich keine Voraussetzungen, die man erfüllen muss. Als ich nach Charaktereigenschaften frage, müssen die beiden Shiatsu-Therapeuten etwas länger nachdenken. «Ich denke, es ist wichtig, dass man gerne praxisorientiert arbeitet, empathisch ist und gerne in Kontakt mit Menschen steht», erklärt Christian. Auch ein medizinischer Beruf als Grundlage schade keinesfalls und ein Zugang zum eigenen Körper sei essenziell. «Es braucht die Bereitschaft, sich selbst und anderen Menschen offen und mitfühlend zu begegnen», so Diego. «Das ist jedoch meist ein Erfahrungswert, den man über die Jahre entwickelt», ergänzt Diego. Sein Arbeitskollege Christian lächelt wissend und nickt.

Vielen Dank Christian und Diego, dass ihr euch Zeit genommen habt für das interessante sowie lehrreiche Gespräch und mir einen Blick hinter die Kulissen gewährt habt.

Saara Iten, Praktikantin Kommunikation

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Dieses Bild zeigt ein Foto von Marion Grunauer
Marion Grunauer
Marketingplanerin FA, Online- und PR-Redakteurin

Stv. Leiterin Kommunikation