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Interview intern

«Die Belastung und emotionale Not der Angehörigen wurde grösser.»

Während der Pandemie hat das allgemeine Bewusstsein für mentale Gesundheit an Bedeutung gewonnen. Psychische Erkrankungen sind in den Vordergrund gerückt. Aber was ist mit den Angehörigen von psychisch Erkrankten? Für die Angehörigenberatung der PSGN war das Jahr 2020 mit rund 500 Beratungen ein Rekordjahr. Edith Scherer, Leiterin der Angehörigenberatung der Psychiatrie St.Gallen Nord, gewährt einen Einblick in ihre Arbeit während der Coronapandemie.

Es ist Donnerstag, 9.00 Uhr. Am Empfang im A01 herrscht geschäftiges Treiben. Vor einem Jahr sah das noch ganz anders aus. Im März 2020 stand die Welt auf einen Schlag kopf: Besuchsverbot in sämtlichen Institutionen und stark eingeschränkte ambulante Therapien während des Lockdowns. Die Tageskliniken waren während acht Wochen geschlossen. Einige ambulante Therapien konnten immerhin telemedizinisch oder telefonisch fortgeführt werden.

Was, wenn die Tagesstruktur wegbricht?

So unerlässlich die Massnahmen gegen Covid-19 sind, sie haben auch unerwünschte Folgen. Der Alltag verändert sich. Vielen fehlt die gewohnte Tagesstruktur. Für Menschen, die psychisch vorbelastet sind, ist dies besonders herausfordernd. Oftmals sind es Angehörige wie Eltern, Partner und Partnerinnen, welche die fehlende Struktur auffangen und sich um Betroffene kümmern. Doch wer kümmert sich um die Angehörigen? Wo können sie ihre Sorgen loswerden, wenn Kaffee mit Freundinnen und Freunden plötzlich nicht mehr möglich ist? Einen Teil übernimmt Edith Scherer. Seit 13 Jahren bietet sie Unterstützung für Angehörige von psychisch erkrankten Menschen.

Angehörige in emotionaler Not

Eine psychisch erkrankte Person im persönlichen Umfeld zu haben, bedeutet für Angehörige eine grosse Herausforderung. Sie sind eine wichtige Stütze und werden gleichzeitig emotional hoch belastet. Aufgrund der Coronamassnahmen sind Angehörige noch stärker gefragt. Edith Scherer stellt fest: «Für Betroffene wie auch Angehörige fielen während des letzten Jahres sehr viele Strukturen weg. Tagesinstitutionen waren teilweise geschlossen und Therapien konnten nur noch online stattfinden. Dadurch entstand für Angehörige eine Zusatzbelastung. Die emotionale Not wurde grösser. Gerade für vorbelastete Familiensysteme war diese Zeit massiv erschwerend.» Siehe den Erfahrungsbericht «Frau M.» am Ende des Interviews.

 

«Obwohl sich einiges verändert hat, bleibt das Angebot der Angehörigenberatung für viele Angehörige eine Konstante in dem ganzen Chaos.»

 

Deutlich mehr Telefonberatungen im Jahr 2020

Obwohl sich einiges verändert hat, bleibt das Angebot der Angehörigenberatung für viele Angehörige eine Konstante in dem ganzen Chaos. Zwar dachte Edith Scherer zu Beginn der Pandemie, dass die Anzahl Beratungen zurückgehen würde. Die Auswertung der Zahlen zeigt jedoch das Gegenteil: Das Jahr 2020 war mit rund 500 Beratungen ein Rekordjahr. «Weil ein Grossteil der Öffentlichkeitsarbeit wegfiel, hatten meine Kollegin Susanna Rodi-Giger und ich mehr Kapazität für Beratungsgespräche. Da eine Zeit lang keine Angehörigen mehr auf das Klinikareal kommen durften, waren deutlich mehr Telefonberatungen zu verzeichnen. Viele Angehörige waren froh, dass man wenigstens mailen oder telefonieren konnte», sagt Edith Scherer. Auch Webcams kamen für Familiengespräche vermehrt zum Einsatz. Seit dem Sommer letzten Jahres können glücklicherweise wieder persönliche Beratungen vor Ort in Wil und St.Gallen stattfinden.

Es ist schwierig, sich abzugrenzen

Durch die coronabedingte Zusatzbelastung und die daraus entstandene Not haben sich auch die Probleme der Angehörigen leicht geändert. «Der psychoedukative Bereich unserer Beratung, wie etwa Fragen zu Diagnosen oder Erkrankungen, fiel grösstenteils weg. Dafür standen andere Themen im Vordergrund», stellt Edith Scherer fest. Rat wurde bei emotionaleren Anliegen gesucht wie «Wie gehe ich damit um, wenn das Therapieangebot der betroffenen Person wegfällt?», «Habe ich etwas falsch gemacht?» und vor allem «Wie kann ich mich selber abgrenzen?». Edith Scherer ergänzt: «Es ist für die Angehörigen eine permanente Gratwanderung zwischen Fürsorge und Selbstschutz. Siehe dazu den Erfahrungsbericht «Herrn S.» am Ende des Interviews. Im Gegensatz zu den Problemen hat sich die Kategorisierung der Angehörigen nicht verändert. Sie ist immer noch völlig durchmischt, wobei der grösste Teil nach wie vor die Mütter und Partnerinnen sind.»

 

«Mehrheitlich Mütter und Partnerinnen suchen Rat.»

 

Das meistgenannte Wort ist Danke

Für Edith Scherer ist die Begegnung mit Menschen das interessanteste an ihrem Beruf: «Über nonverbale Kommunikation kann man vieles über jemanden erfahren. Der persönliche Kontakt kam während der Pandemie etwas zu kurz. Gerade E-Mail-Unterhaltungen sind sehr distanziert und gewähren nur begrenzten Einblick in die hochindividuellen Situationen.» Edith Scherer arbeitet schon seit 32 Jahren in der Psychiatrie. Das gesammelte Wissen sowie ihre Erfahrung sind ihr in dieser anspruchsvollen Zeit zugutegekommen. «Ich habe kein Geheimrezept, aber für viele Angehörige ist es sehr wichtig, von einer Fachperson quasi eine Legitimation zu bekommen. Dafür, dass sie auch auf sich selber achtgeben dürfen, dass sie nicht bis zur totalen Erschöpfung alles für die betroffene Person machen müssen und dass sie auch mal ohne schlechtes Gewissen Nein sagen dürfen», erklärt sie. «Ich höre oft, dass ich eine sehr deutliche Sprache spreche – nett, aber nicht beschönigend», führt sie weiter aus. Trotzdem bringt ihre Arbeit sehr viele Komplimente mit sich. Aktuell läuft eine Zufriedenheitsbefragung von allen Angehörigenberatungen der Schweiz. Edith Scherer hat mittlerweile rund 500 Rückmeldungen erfasst und kann sagen: «Das meistgenannte Wort ist Danke.»

Angehörigenberatungen nehmen zu

Mit wenigen Ausnahmen stieg die Anzahl Beratungen in der PSGN in den letzten 13 Jahren kontinuierlich und erreichte mit 500 Beratungen im Jahr 2020 einen neuen Rekord. Angehörigenberatungsstellen nehmen in der Schweiz allgemein zu. «Zu verdanken ist das zu einem grossen Teil der PSGN», kann Edith Scherer ganz klar sagen. Als erste Angehörigenberatung der Schweiz hat die PSGN bereits früh einen Themenschwerpunkt gesetzt. Die PSGN legt viel Wert auf das Angebot und Edith Scherer erhält für ihre Arbeit eine grosse Bühne. Die Öffentlichkeitsarbeit, welche sie mit den Referaten am Montag wie auch weiteren Referaten und Schulungen betreibt, steigert die Präsenz des Angebots zusätzlich. Trotzdem geht sie davon aus, dass die Zahlen in Zukunft nicht mehr massiv steigen werden. Die meisten Angehörigen werden intern zugewiesen. Edith Scherer lobt die gute Zusammenarbeit mit den einzelnen Stationen: «Es besteht eine funktionierende Vertrauensbasis und die Angehörigenberatung geniesst eine hohe Akzeptanz. Ein schönes Beispiel für eine Win-Win-Situation».

 

«Fehlende Tagesstrukturen und zusätzliche Belastung sind die Themen, welche Angehörige im Jahr 2020 beschäftigten.»

 

PSGN als Vorzeigemodell

Die Angehörigenberatung der PSGN war lange die einzige in der Schweiz und hat mit 110 Stellenprozent nach wie vor die grössten Ressourcen. Mittlerweile gibt es immer mehr Institutionen mit einer Angehörigenberatung. Edith Scherer erhält oft Anfragen von anderen Einrichtungen, gerade wenn es um den Aufbau und die Installation des Angebots geht. Den langjährigen, guten Erfahrungen ist es zu verdanken, dass viele Beratungsstellen die PSGN als Vorbild genommen haben. Edith Scherer steht in sehr gutem Kontakt mit ihren Kolleginnen und Kollegen und berichtet, dass sich die Coronasituation überall gleich ausgewirkt hat. Eine übergreifende Umfrage hat gezeigt, dass fehlende Tagesstrukturen und zusätzliche Belastung die Themen sind, welche Angehörige im Jahr 2020 beschäftigten.

Referat am Montag – ab August 2021, live oder online

Achtmal pro Jahr bietet die Angehörigenberatung aktuelle Informationen, Erklärungen und Wissenswertes zu psychiatrischen Themen aus erster Hand. Mit rund 1000 Besucher und Besucherinnen pro Jahr ist das Referat am Montag in Wil und St.Gallen eine wichtige Veranstaltung in der Umgebung. «Ich wurde viel darauf angesprochen und die Leute freuen sich, wenn es wieder stattfinden kann», sagt Edith Scherer lächelnd. Beim Referat am Montag geht es darum, Mauern abzubauen und die Psychiatrie zugänglich zu machen. Diese Anti-Stigma-Arbeit ist für Edith Scherer sehr wichtig, denn nichts ärgert sie mehr als Ignoranz und Menschen, die andere verurteilen.

Der Start der Veranstaltungsreihe ist auf August 2021 geplant. Das Programm steht und sämtliche Räume sind bereits reserviert. Momentan kann jedoch aufgrund der unsicheren Situation noch nichts entschieden werden. Edith Scherer und ihr Team sind sich sicher, dass sie den Anlass sowieso durchführen, egal ob live oder online. Obwohl der persönliche Austausch und die Interaktion Hauptaspekte der Veranstaltung sind, bietet ein Onlinereferat auch Chancen. Für Edith wäre eine Umstellung keine grosse Sache. Sie unterrichtet an den Fachhochschulen in St.Gallen und Bern sowie an der Academia Euregio in St.Gallen. Der Umgang mit Zoom, Skype und Teams ist für sie nichts Neues. Klar ist für Edith Scherer jedoch: «Die Vortragsreihe bleibt bestehen. Wir freuen uns auf einen Neustart im August und hoffen, diesen live durchführen zu können».

Vielen Dank Edith Scherer, dass du dir die Zeit genommen hast für das interessante Gespräch.

Laura Weiss, Praktikantin Kommunikation

Erfahrungsberichte «Corona» von Edith Scherer

Erfahrungsberichte

Frau M., Ehefrau

Frau M. ruft zum zweiten Mal an. Im Hintergrund höre ich Kinder, die sich streiten: Alltag mit Homeschooling und Homeoffice im Frühling 2020. Frau M. tönt erschöpft. Natürlich geht es in dieser aussergewöhnlichen Zeit vielen so. Soll der Tagesablauf mehr oder weniger geregelt ablaufen, ist Frau M. darauf angewiesen, dass ihr Ehemann in eine tagesklinische Struktur eingebunden ist. Nach einem längeren Klinikaufenthalt hilft ihm genau diese Struktur, die Rückkehr in den beruflichen und familiären Alltag zu gestalten. Es hat alles sehr vielversprechend im Januar gestartet. Und dann kam Corona. Frau M. beschreibt, dass die Stabilität ihres Ehemanns zwar Fortschritte gemacht habe, das Eis jedoch noch sehr dünn gewesen sei, als die Tagesstrukturen wegfielen. Bei allem Verständnis und ohne irgendeine Schuldzuweisung sei es für sie trotzdem von einem Tag auf den anderen fast nicht mehr auszuhalten gewesen. Zeit für Ruhe und Durchatmen fielen weg. Frau M. hat grosses Vertrauen in die Fachpersonen, die ihren Mann begleiten. Obwohl sie weiss, dass sie nicht die Therapeutin ihres Mannes ist, lastet eine Verantwortung auf ihr, die sie kaum tragen kann.

Herr S., Vater

Immer wieder gab es während der Zeit des Besuchsverbots Angehörige, die von diesen Massnahmen profitieren konnten. Es ist oft eine Gratwanderung zwischen Fürsorge und Selbstschutz. So gab es immer wieder Angehörige, die nicht unglücklich darüber waren, dass sie ohne schlechtes Gewissen nicht täglich zu Besuch kommen «mussten». Das Besuchsverbot hat diesen Angehörigen für einen Moment eine schwierige Entscheidung abgenommen. Das ist auf keine Art und Weise wertend gemeint. Der Sohn von Herrn S ist bei uns in Behandlung und fordert sehr viel Aufmerksamkeit von seinem Vater. Herr S bringt es während des Beratungstelefonats auf den Punkt: «Wissen Sie, ich liebe meinen Sohn sehr und trotzdem brauche ich Zeit für mein eigenes Leben. Ich kann nicht bei jeder Gelegenheit die Wünsche meines Sohnes erfüllen. Er empfindet mein Nein aber oft als Ablehnung, das ist sehr schwer auszuhalten. Dass ich im Moment nicht zu Besuch kommen darf, entlastet mich sehr und gibt mir etwas Zeit zum Durchatmen.»

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Dieses Bild zeigt ein Foto von Marion Grunauer
Marion Grunauer
Marketingplanerin FA, Online- und PR-Redakteurin

Stv. Leiterin Kommunikation