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Aufsuchende Psychiatrische Pflege – wenn der Weg in die Klinik unmöglich wird

Für Menschen mit psychischen Problemen ist es oft schwierig, darüber zu reden, eine Krankheit zu verstehen oder sich diese überhaupt einzugestehen. In der Klinik und dem Ambulatorium der Psychiatrie St.Gallen Nord werden Patientinnen und Patienten auf dem Weg zur psychischen Gesundheit von Fachpersonen unterstützt. Doch wer hilft denjenigen, die es aufgrund ihrer Krankheit gar nicht aus dem Haus schaffen? Im Interview befrage ich Maja Rössler zu ihrer Arbeit als aufsuchende Psychiatriepflegefachfrau.

Frau M., 38-jährig, leidet seit Jahren unter einer Angststörung. Sie will sich zwar Hilfe holen, schafft es aber nicht für das Erstgespräch mit einem Arzt in die Psychiatrie St.Gallen Nord zu kommen. Ihre Angst hält sie davon ab. Deshalb besucht Maja Rössler Frau M. zuhause und erklärt ihr, wie die Aufnahme in der Klinik ablaufen wird. Das Gespräch in bekannter Umgebung beruhigt Frau M. So schafft sie es, sich beim Ambulatorium zu melden und den ersten Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Den Patienten im Alltag beistehen

Maja Rösslers Arbeit als aufsuchende Psychiatriepflegerin könnte abwechslungsreicher nicht sein. Dies liegt daran, dass sie Patienten mit den verschiedensten Krankheitsbildern besucht: schizophren, depressiv, bipolar – die Palette ist breit. Ausserdem richtet sich der Ablauf eines Besuchs auch immer nach dem momentanen Gesundheitszustand der Patientinnen, der von Woche zu Woche anders sein kann. Ziel ist es, den Patienten im Alltag beizustehen. Demnach ist die Arbeit der aufsuchenden Pflege unterstützend, pragmatisch und alltagsorientiert. «Ich habe schon geholfen zu bügeln», erzählt die gelernte Pflegerin. Doch auch wenn alle Hausbesuche sehr individuell sind, bleibe eine Sache immer gleich: «Das Ziel ist es, dass die Patientinnen irgendwann stabil genug sind, um in die Klinik zu kommen», sagt Rössler. Doch nicht alle können von der aufsuchenden Pflege profitieren. Patienten mit akut schwerwiegenden Problemen, die unter einer Psychose leiden oder suizidal sind, werden auf einer Akutstation aufgenommen Die aufsuchende Pflegerin geht nur zu Patientinnen mit «ruhigen» Verläufen. Maja Rössler habe sich noch nie in Gefahr gesehen: «Wir klären vor einem Besuch immer ab, ob ein Patient zum Beispiel sehr impulsiv ist. Da würde ich dann nicht hingehen», sagt sie.

«Manchmal muss ich drei Schritte zurück machen, um das Ziel mit einer Patientin zu erreichen.»

Kein Arbeitstag wie der andere

Als ich danach frage, wie ein Hausbesuch im Normalfall ablaufe, überlegt Maja Rössler kurz: «Es gibt eigentlich kein Schema. Durchschnittlich bin ich eineinhalb Stunden bei Patienten. Meistens erkundige ich mich zuerst danach, wie es der Patientin geht. Danach versuche ich, über aktuelle Dinge zu sprechen: Ist etwas Besonderes vorgefallen? Was steht in der nächsten Zeit an? Dann versuche ich auch oft auf den vergangenen Besuch überzuleiten und frage, wie die Sache gelaufen ist, an der wir das letzte Mal gearbeitet haben», erzählt sie. Oft kämen erfreuliche Antworten zurück. Doch es gebe auch Patienten, die aufgrund ihrer Krankheit keine Fortschritte machen konnten. Manchmal merke Maja Rössler dann, dass sie drei Schritte zurück machen muss, um das gesetzte Ziel mit der Patientin erreichen zu können. Einen typischen Arbeitsablauf gibt es also nicht.

Aufsuchende Psychiatrische Pflege

Unsere Psychiatriepflegefachpersonen besuchen in Wil, St.Gallen, Rorschach und Wattwil Patientinnen in deren häuslichem Lebensumfeld. Gemeinsam mit dem Patienten ermitteln die Psychiatriepflegefachpersonen die Folgen der psychischen Krankheit auf das Alltagsleben und definieren gemeinsam mit der Patientin mögliche Massnahmen. Konkret fördern sie die Selbständigkeit der Patienten, sie beraten und unterstützen sie, den Alltag zu bewältigen, zeigen Möglichkeiten auf, den Tag zu strukturieren, zu planen, sich zu organisieren, helfen Stress- und Risikofaktoren wahrzunehmen etc.

Jeder Besuch hält Überraschungen bereit

Flexibel sein, das ist in der aufsuchenden Pflege besonders wichtig. Man wisse nie, was einen erwarte: «Ich habe schon Überraschungen in alle Richtungen erlebt», sagt Maja Rössler. Sie erzählt mir von einer Patientin, bei der man aufgrund ihres Verhaltens in der Klinik vermutete, dass sie völlig verwahrlost in einer Messie-Wohnung lebe: «Als ich sie dann das erste Mal besuchte, kam ich in eine saubere, luxuriöse Wohnung. Damit hätte ich niemals gerechnet.» Auch emotionale Situationen hat Maja Rössler bereits erlebt. «Einmal sind wir inmitten eines Gesprächs vom Bruder des Patienten unterbrochen worden. Jahrelang hat er im Ausland gelebt und kam genau im Moment meines Besuchs zurück nach Hause. Da bin ich gleich wieder gegangen. Das war sehr privat», so die Pflegerin.

«Ich nehme bei Patientinnen keine Getränke an. Das ist mir zu privat.»
 

Wohlwollend, liebevoll und verständnisvoll

Maja Rössler geht mit einer bestimmten Haltung zu den Patienten: «Ich mache mir immer wieder bewusst, dass ich bei ihnen zu Gast bin. Dementsprechend verhalte ich mich auch», sagt Rössler. Sie trennt Arbeit klar von Privatsphäre: Getränke nimmt sie nicht an. Auch auf die Toilette geht sie bei Patientinnen nicht. «Ich bin eher vorsichtig und zurückhaltend. Ich gehe natürlich offen mit den Patienten um, manche Dinge sind jedoch auch mir zu privat», erzählt sie. Ein respektvoller Umgang miteinander ist in der aufsuchenden Pflege besonders wichtig. Für viele Patientinnen stellt es nämlich eine riesen Überwindung dar, jemanden in die eigenen vier Wände hereinzulassen. Daher ist es essenziell, dass sich die Patienten wohlfühlen. Wohlwollend, liebevoll und verständnisvoll – diese Eigenschaften schreibt Maja Rössler gross. Deshalb ist auch Zuspruch sehr wichtig für sie. Den Patientinnen deutlich zu machen, dass es ein Zeichen von Stärke ist, sich jemandem zu öffnen, gehört für Maja Rössler zum Tagesprogramm: «Ich beende die Hausbesuche immer mit etwas Positivem. Mir ist wichtig, keine offenen Probleme zu hinterlassen und die Sache abzurunden.»

«Das, was ich hinterlasse, muss für mich verdaubar sein.»

Mit Konfrontationen und unangenehmen Aussagen geht Maja Rössler vorsichtig um. Man muss sich stets bewusst sein, dass die Patienten nach dem Besuch alleine mit ihren Gedanken sind. Maja Rössler schätzt also immer ab, welche Gedanken und Gefühle sie hinterlassen könnte: «Zudem muss das aber auch für mich verdaubar sein», sagt sie. Denn trotz der überwiegend schönen Seiten an Maja Rösslers Beruf gibt es auch schwierige Momente. Ich frage, ob sie schon Situationen erlebt habe, in denen sie sich unwohl gefühlt habe. Die Pflegerin muss lange überlegen, kommt dann aber zu einer Antwort. Zu jemandem nach Hause zu gehen, wo es sehr dreckig und unhygienisch sei, koste sie manchmal Überwindung: «Jemandem auf Augenhöhe zu signalisieren, dass es in seinem Zuhause eklig ist, kann eine Herausforderung sein.»

«Zu sehen, dass es den Patienten besser geht, macht mich glücklich.»
 

Glücksmomente in den Fortschritten

Ich merke, dass Maja Rössler lieber über die positiven Seiten ihrer Arbeit spricht. Als ich danach frage, was das Schöne an der aufsuchenden Pflege sei, zeichnet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ab: «Wenn ich sehe, dass es den Patienten besser geht, macht mich das glücklich», erzählt sie. Dazu kommt ihr auch gleich eine Anekdote in den Sinn: «Ich hatte einen schwerstkranken Patienten, der grosse Schwierigkeiten mit Hygiene und Sauberkeit hatte. Es war wirklich eine Katastrophe. Als ich ihn eines Tages erneut besuchte, war die halbe Wohnung geputzt. Das hätte ich ihm niemals zugetraut. Dieser Fortschritt hat mich sehr gefreut», erzählt sie mit strahlenden Augen. Auch den deutlichen Unterschied zu erkennen, wenn Patientinnen in gewohnter Umgebung freier sprechen, lebendiger wirken und weniger angespannt sind als in der Klinik, ist sehr schön für Maja Rössler. Das eigene Zuhause ist nun mal für viele ein sicherer Ort.

Nach dem Interview wird für mich deutlich, dass Maja Rössler mit viel Herzblut ihrer täglichen Arbeit als aufsuchende Psychiatriepflegerin nachgeht. Ich bedanke mich für das spannende Gespräch.

Jil Rietmann, Praktikantin Unternehmenskommunikation

Mehr erfahren zur Aufsuchenden Psychiatrischen Pflege / Mobilen Equipe der Psychiatre St.Gallen Nord

Über Maja Rössler, Aufsuchende Psychiatriepflegefachfrau

Zur Person

Maja Rössler ist dipl. Pflegefachfrau HF und DBT-Therapeutin Pflege der Ambulanten Psychiatrie Wil. Als DBT-Therapeutin Pflege leitet sie seit Jahren die Gruppe des ambulanten Skillstrainings der Ambulanten Psychiatrie Wil. In dieser Gruppe werden psychosoziale Fertigkeiten (Skills) wie Stresstoleranz, Umgang mit Gefühlen, zwischenmenschliche Fertigkeiten, Achtsamkeit und Selbstwert trainiert. DBT bedeutet dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha Linehan.

In ihrer Tätigkeit als aufsuchende Psychiatriepflegefachfrau kommen insbesondere ihre Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnisse als DBT-Therapeutin Pflege zum Tragen. So gelingt es ihr, die Patientinnen und Patienten therapeutisch optimal zu unterstützen.

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Dieses Bild zeigt ein Foto von Marion Grunauer
Marion Grunauer
Marketingplanerin FA, Online- und PR-Redakteurin

Stv. Leiterin Kommunikation